Nahostkrieg und Zensur: Verzögerte Satellitenbilder gefährden Berichterstattung


Der Iran-Krieg wird zunehmend im Dunkeln geführt. Der Satellitenbetreiber Planet Labs hält nun Aufnahmen aus dem Nahen Osten zurück. Damit verschwindet eine der wichtigsten Informationsquellen. Warum das problematisch für die Berichterstattung ist.

Seda Motie, Olivia Fischer (Grafik)


Seit Ausbruch des Iran-Kriegs ist der Zugang zu verlässlichen Informationen eingeschränkt. Hinweise auf die Lage in der Region liefern Videos und Fotos aus der Bevölkerung sowie Satellitenbilder.

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Diese Quelle wird nun begrenzt: Der amerikanische Satellitenbetreiber Planet Labs kündigte am Samstag an, neue Aufnahmen aus Teilen des Nahen Ostens nur noch verzögert zu veröffentlichen. Aufgrund der «zunehmend komplexen regionalen Sicherheitslage» komme es zu einer Verzögerung von vier Tagen, schrieb das Unternehmen an seine Kunden.

Am Montagabend wurde diese Sperrfrist auf vierzehn Tage ausgeweitet. Auch der betroffene Bereich wurde innert weniger Tage erweitert. Neben den ursprünglich genannten Ländern, darunter die Golfstaaten sowie Konfliktzonen wie der Irak und Kuwait, ist nun auch Iran von den Änderungen betroffen. Bei der ersten Ankündigung der Vier-Tage-Sperre war Iran noch ausdrücklich ausgenommen gewesen. NZZ-Recherchen zeigen, dass auch von anderen Ländern derzeit keine Aufnahmen verfügbar sind, darunter Zypern und Teile der Türkei, Ägyptens, Griechenlands, Afghanistans, Pakistans und Aserbaidschans.

Sicherheitsbedenken als Grund der Sperre

Das 2010 von Nasa-Wissenschaftern gegründete Unternehmen Planet Labs mit Hauptsitz in San Francisco gab nicht an, ob die Entscheidung als Reaktion auf eine offizielle Anfrage der USA getroffen wurde. In einer E-Mail hiess es, die Entscheidung erfolge vor dem Hintergrund einer zunehmenden Eskalation des regionalen Konflikts. Ziel der Massnahmen sei es, zu verhindern, dass Satellitenbilder von gegnerischen Akteuren taktisch genutzt würden. Insbesondere solle verhindert werden, dass nahezu in Echtzeit verfügbare Satellitendaten die Sicherheit von verbündeten Kräften, Nato-Partnern oder Zivilpersonen in der Region gefährdeten.

Satellitenbilder sind essenziell, wenn es um die Lagebeurteilung von Kriegs- und Konfliktgebieten geht. Sie dokumentieren Zerstörung, Schiffsbewegungen und geben einen Überblick über Truppenbewegungen, etwa über die Stationierung von Panzern, Artillerie oder Flugzeugen. Journalisten können mithilfe solcher Aufnahmen zudem die Folgen von Explosionen oder bauliche Veränderungen an Gebäuden nachweisen. So lassen sich neben Schäden an Militäranlagen nach amerikanischen und israelischen Angriffen oder iranischen Gegenangriffen auch Attacken auf zivile Infrastruktur dokumentieren, wie zuletzt beim Angriff auf die Mädchenschule in Minab im Süden Irans.

Das All als Kriegsschauplatz

Satellitenbilder militärischer Anlagen gelten als heikel. Firmen wie Planet Labs oder Vantor (früher Maxar) veröffentlichen dennoch Aufnahmen russischer, chinesischer oder nordkoreanischer Militärstandorte, die in sozialen Netzwerken verbreitet werden.

Auch das Zurückhalten von Satellitenbildern ist nicht neu. Das amerikanische Unternehmen Vantor gibt grundsätzlich keine hochauflösenden Bilder von US- oder Koalitionstruppen an Medien weiter. Auch während des Ukraine-Kriegs beschränkten Anbieter zeitweise den Zugang zu Aufnahmen sensibler militärischer Standorte. So blockierten die USA etwa eine Woche lang den ukrainischen Zugriff auf Satellitenbilder.

Zugleich gewinnt eine wachsende Zahl anderer Satelliten an Bedeutung. Aus China sind etwa Bilder der Beijing-3-Satelliten verfügbar, mit einer Auflösung von bis zu 30 Zentimetern. Auch der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus betreibt hochauflösende Erdbeobachtungssatelliten, etwa Pléiades.

Planet Labs betont, dass diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen worden sei und es Gespräche mit mehreren Experten gegeben habe. Bei der neuen Regelung solle es sich auch nur um einen «zeitlichen Puffer» handeln. Die Daten würden weiterhin aufgenommen, jedoch zurückgehalten, bis das Sicherheitszeitfenster abgelaufen sei.


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