Pakistan greift Taliban in Kabul an – «offener Krieg» erklärt


Islamabad wirft den Taliban vor, nichts gegen die Präsenz pakistanischer Terroristen in Afghanistan zu unternehmen. Nach Monaten relativer Ruhe ist der Konflikt eskaliert. Die Rede ist von Hunderten Toten.

Taliban-Kämpfer an der Grenze zu Pakistan: Nach Luftangriffen in Afghanistan kam es an der Grenze zu heftigen Gefechten.

Wahidullah Kakar / AP

Luftangriffe in Kabul, Kämpfe an der Grenze: Nach Monaten relativer Ruhe ist der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan erneut entbrannt. Die pakistanische Luftwaffe bombardierte in der Nacht zum Freitag mehrere Militärstützpunkte der Taliban in der afghanischen Hauptstadt sowie in Kandahar und Paktia. Zuvor hatten die Taliban pakistanische Grenzposten mit Artillerie beschossen. Pakistans Militär gab an, mehr als 270 Taliban getötet zu haben, Kabul sprach seinerseits von mindestens 55 Toten auf pakistanischer Seite.

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Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif kritisierte, Afghanistan sei nach dem Abzug der westlichen Truppen und der Machtübernahme der Taliban 2021 zu einer «Kolonie Indiens» geworden. «Unsere Geduld ist am Ende. Nun herrscht offener Krieg», schrieb Asif auf X. Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif sagte, die Armee werde bei der Verteidigung des Heimatlandes keine Kompromisse machen und auf jede Aggression eine passende Antwort geben.

Mit dem Beschuss an der Grenze reagierten die Taliban auf Luftangriffe Pakistans am 22. Februar. Diese richteten sich gegen angebliche Lager der Tehreek-e Taliban Pakistan (TTP) in Afghanistan. Die islamistische Terrorgruppe kämpft seit Jahrzehnten gegen den pakistanischen Staat. Islamabad wirft Kabul vor, den pakistanischen Rebellen Zuflucht auf ihrem Territorium zu bieten und damit eine Mitschuld an deren Anschlägen in Pakistan zu tragen.

Eine im Oktober vereinbarte Waffenruhe blieb brüchig

Schon im Oktober war es deshalb zu heftigen Kämpfen zwischen den verfeindeten Nachbarn gekommen. Pakistan hatte damals erstmals Luftangriffe auf TTP-Führer in Kabul geflogen. Die Taliban reagierten mit Artillerieangriffen an der Grenze, beide Seiten meldeten Hunderte Tote. Nach Vermittlung von Katar und der Türkei wurde eine Waffenruhe vereinbart, doch blieb diese brüchig. Weitergehende Verhandlungen über eine Beilegung des Konflikts stecken seit November fest.

Die Taliban bestreiten, den TTP-Kämpfern Zuflucht zu gewähren. Sie betonen, es handele sich um einen internen Konflikt Pakistans, für den Islamabad eine politische Lösung finden müsse. Es ist allerdings klar, dass die Taliban ideologisch wie personell eng verbunden sind mit ihren pakistanischen Glaubensbrüdern. Als Vergeltung hat Pakistan die Grenze nach Afghanistan geschlossen, den Handel ausgesetzt und Hunderttausende afghanische Flüchtlinge ausgewiesen.

Seit der Rückkehr der Taliban nach Kabul 2021 hat die Zahl der Terrorangriffe in Pakistan stetig zugenommen. Die Anschläge konzentrieren sich vor allem auf die bergige Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa. Die meisten TTP-Attacken zielen auf pakistanische Sicherheitskräfte, doch kommen in dem Konflikt auch regelmässig Zivilisten zu Tode. Die Armeeführung um Feldmarschall Asim Munir gibt sich entschlossen, den Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen. Munir gilt als der starke Mann in Pakistan.

Sicherheitskräfte der Taliban kontrollieren am 26. Februar 2026 an einem Kontrollpunkt in Kabul ein Fahrzeug.

Samiullah Popal / EPA

Bemühungen um eine politische Lösung sind gescheitert

Die Eskalation zwischen Pakistan und den Taliban kommt auf den ersten Blick überraschend. Schliesslich hatte der pakistanische Militärgeheimdienst ISI die Taliban jahrelang unterstützt. Es war ein offenes Geheimnis, dass Islamabad der Taliban-Führung nach ihrer Vertreibung aus Afghanistan durch die USA 2001 Zuflucht geboten hatte. Sehr zum Missfallen der Amerikaner und ihrer Alliierten in Kabul lebten die Taliban-Führer mehr oder weniger offen in den pakistanischen Grossstädten Quetta und Karachi.

Als die Taliban nach einem jahrelangen Guerillakrieg 2021 schliesslich wieder nach Kabul zurückkehrten, wurde dies von Pakistans Regierung begrüsst. Die Hoffnung, mit den Taliban an der Macht ein wohlgesinntes Regime in Kabul zu haben, erwies sich aber als Trugschluss. Wie frühere Regierungen erkannten die Taliban die Grenze zu Pakistan nicht an. Vor allem aber weigerten sich die Islamisten, ihre Verbindungen zu den pakistanischen Taliban zu kappen.

2022 versuchte Pakistans damaliger Premierminister Imran Khan, eine Verhandlungslösung zu finden. Unter einem Abkommen mit dem Regime in Kabul erlaubte Islamabad Hunderten TTP-Kämpfern, nach Pakistan zurückzukehren. Die TTP weigerten sich aber, ihre Waffen niederzulegen. Sie fordern die Errichtung einer Regierung gemäss dem islamischen Gesetz der Scharia. Auch verlangen sie, dass die paschtunischen Stammesgebiete an der Grenze wieder den Autonomiestatus erhalten, der ihnen 2018 entzogen worden war.

Militärisch ist Pakistan den Taliban klar überlegen

Die Kämpfe an der Grenze dauerten am Freitag weiter an. Dabei gerieten auch afghanische Flüchtlinge in einem Lager am Grenzübergang von Torkham ins Kreuzfeuer. Pakistan gab an, bei den Luftangriffen in Kabul, Kandahar und Paktia die Hauptquartiere mehrerer Brigaden und Bataillone ins Visier genommen zu haben. Dabei wurden laut der Armee 80 Panzer, Geschütze und gepanzerte Fahrzeuge sowie Munitionslager zerstört. Eine unabhängige Bestätigung dafür gab es nicht.

Pakistan ist den Taliban militärisch klar überlegen. Pakistans moderner Luftwaffe haben sie wenig entgegenzusetzen. Sie verfügen weder über eigene Kampfflugzeuge noch über eine effektive Flugabwehr. Ihnen bleibt daher nur, mit Artillerie an der Grenze zurückzuschlagen. Allerdings sind die Taliban bekannt dafür, hohe Verluste hinzunehmen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass sie leicht nachgeben – zumal bei den Afghanen eine harte Haltung gegenüber Pakistan populär ist.

Der Taliban-Sprecher Zabihullah ‌Mujahid sagte, die Taliban seien bereit zu Gesprächen, um den Konflikt beizulegen. Iran und Russland boten an, bei einem Dialog zwischen den Nachbarn zu vermitteln. China erklärte, es sei im Gespräch mit beiden Seiten, um rasch eine Waffenruhe zu erreichen. Indien verurteilte dagegen Pakistans Luftangriffe auf Afghanistan. Die Hindu-nationalistische Regierung von Narendra Modi hat sich den Taliban angenähert, seit deren Verhältnis zu Indiens Erzfeind Pakistan in die Krise geraten war.


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