Kaum jemand hat einen so tiefen Einblick in die europäische Aufrüstung und das derzeitige Kriegsgeschehen wie Armin Papperger. Der Manager äussert sich zum Standort Schweiz, zum drohenden Raketenmangel der USA und zum deutschen Starlink-Projekt.
In Europa steht Wehrhaftigkeit seit dem russischen Überfall auf die Ukraine wieder hoch im Kurs: ein Puma-Schützenpanzer während des Nato-Grossmanövers «Steadfast Defender» im Jahr 2024.
Juliane Sonntag / Imago
Herr Papperger, Sie haben den Kriegsverlauf am Persischen Golf sicher genau beobachtet. Hat der Westen Iran unterschätzt?
Man hat gesehen, dass Iran vorbereitet ist. Das Land hat ein grosses Arsenal an günstigen Drohnen. Wie gross es ist, lässt sich schwer sagen. Und es hat sich gezeigt, dass es schwierig ist, das Regime nur mit einem Enthauptungsschlag zu stürzen. Iran ist nicht Venezuela.
Iran beschiesst die Nachbarländer mit Drohnen und Raketen. Amerikaner und Israeli bekämpfen die Drohnen mit teuren Raketen. Das klingt ineffizient.
Ja, weil Drohnen – vor allem wegen der Kosten – ein Game-Changer sein können. Früher musste ein Aggressor viel Geld investieren, um jemanden anzugreifen. Das hat sich mit den günstigen Drohnen geändert. Mit wenig Geld kann man nun erheblichen Schaden anrichten.
Über welche Summen reden wir?
Eine Drohne kostet beispielsweise 20 000 Dollar. Man bekämpft sie teilweise mit Raketen, die je nach Typ 1 bis 3 Millionen Dollar kosten. Das ist enorm teuer. Jetzt ändert sich das langsam mit unserem mobilen, kanonenbasierten Flugabwehrsystem Skyranger, das auch in der Schweiz gebaut wird. Mit fünf Schuss, die zusammen 4000 Dollar kosten, schiessen wir eine 20 000-Dollar-Drohne ab. Damit dreht sich das wirtschaftliche Verhältnis wieder.
Wie lange reichen die Abwehrraketen von den USA und Israel noch?
Man geht heute davon aus, dass die USA bei der gegebenen Intensität des Krieges in zwei bis drei Wochen leergeschossen sind.
Und wie schnell kann man die fehlenden Raketen produzieren?
Das geht nicht in Monaten, die Produktion ist langwierig, und die Bedarfe sind gross. Deswegen investieren wir auch in dem Bereich. Es gibt jedoch eine grosse Lücke bei Raketenmotoren. Die Motoren sind für Raketen genauso wichtig wie das Pulver für die Munition. Eine Drohne kann man in vier Wochen bauen, bei einer Rakete mit Motor dauert das fast ein Jahr. Bei manchen Raketen liegt die Produktionskapazität in den USA bei siebzig Stück im Jahr. Die Menge verschiessen sie bei einem massiven Angriff in einer Stunde.
Wie gut sind die Golfstaaten mit Drohnen- und Raketenabwehr ausgestattet?
Mehrere Golfstaaten haben unsere Flugabwehrsysteme, die auch in der Schweiz gebaut werden, sehr erfolgreich im Einsatz. Allerdings haben sie viel zu wenige.
Rheinmetall produziert mit der RWM Schweiz, ehemals Oerlikon Contraves Pyrotec, auch hierzulande. Wie sehen Sie den Standort angesichts der Exportbedingungen?
Schwierig, die Schweiz ist sehr restriktiv, wenn mehr als 50 Prozent der Komponenten eines Produktes hier gefertigt werden. Sollte Deutschland morgen angegriffen werden, erginge es uns wohl wie der Ukraine: Wir würden nicht mehr aus der Schweiz beliefert werden – was in unserem Fall natürlich verrückt wäre, schliesslich haben wir ein eigenes Werk in Zürich Oerlikon.
Der Standort Schweiz steht also auf der Kippe?
Nein, die Schweiz bleibt ein wichtiger Standort. Wir haben in Zürich eine hohe Entwicklungskompetenz für Flugabwehrsysteme wie Skynex und Skyranger sowie Munition. Früher hatten wir jedoch eine Mittelkaliberproduktion nur in der Schweiz. Aufgrund der Exportrestriktionen haben wir nun aber auch eine in Deutschland, Spanien und bald in Rumänien. In vielen Ländern wachsen wir um rund 35 Prozent, in der Schweiz bloss um 6 Prozent.

Armin Papperger, Konzernchef des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall.
Thilo Schmuelgen / Reuters
Das liegt nur an der Gesetzgebung?
Ja, denn es ist nicht sinnvoll, hier etwas zu produzieren, was nicht uneingeschränkt verkauft werden darf, zumal die Schweiz selbst nur ein kleiner Kunde ist. Für den Skyranger haben wir eine Jahreskapazität von 150 Systemen in der Schweiz, 150 Systemen in Italien und 100 Systemen in Deutschland, die wir jedoch stark hochfahren könnten. Deutschland möchte gerne 650 Skyranger bestellen. Dabei werden auch Komponenten aus der Schweiz verwendet, aber eben nie mehr als 50 Prozent vom Gesamtprodukt.
Wie sehen Sie die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz?
Die Schweiz hat einerseits durch ihr Milizsystem den Verteidigungsgedanken tief in der Bevölkerung verankert. Andererseits ist sie hinsichtlich ihrer Verteidigungsausgaben noch nicht den Schritt gegangen, den Deutschland gegangen ist. Wir wissen nicht, ob die Schweiz den Schritt überhaupt macht. Das ist eine politische Entscheidung. Ich war jedoch geschockt, dass die Schweiz weniger als 1 Prozent des Bruttosozialprodukts ins Militär investiert. So niedrig waren die deutschen Investitionen in den schlechtesten Jahren. Das wird der Schweiz bei weitem nicht reichen, um eine vernünftige Ausstattung der Armee zu erreichen und um ein zuverlässiger europäischer Partner zu sein. Ohne Geld geht nun einmal nichts – und die Schweiz ist kein armes Land.
Wie sehen Sie die Lage in Europa?
Wir sind noch in der ersten Phase der Aufrüstung. Rheinmetall hat einen Auftragsbestand von knapp 70 Milliarden Euro, im Lauf des Jahres wird er voraussichtlich auf bis zu 140 Milliarden steigen. Die Liefertermine für die Bestellungen liegen meist in den Jahren 2029 und 2030. Allerdings hat Europa in den vergangenen dreissig Jahren fast nichts in Rüstung investiert. Deswegen dürften eine zweite und eine dritte Phase mit Lieferdatum 2035 und 2040 folgen – auch im Hinblick auf Aufwuchs- und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte.
Wo gibt es den grössten Beschaffungsbedarf?
Die grösste Not herrscht bei der Munition. Fast niemand in Europa hat genügend Munition. Die Vorräte würden im Ernstfall innerhalb weniger Tage verschossen sein. Wir haben bei Rheinmetall vor dem Jahr 2022 rund 70 000 Schuss Artilleriemunition im Jahr produziert, im Jahr 2030 werden es 1,5 Millionen Schuss sein. Das ist eine höhere Kapazität, als sie die USA haben.
Was fehlt sonst noch?
Grosse Nachfrage herrscht bei gepanzerten Fahrzeugen. Ein möglicher Konflikt der Nato mit Russland sähe ganz anders aus als der heutige Krieg zwischen der Ukraine und Russland. Die Nato würde immer versuchen, mit ihren Truppen eine dynamische Bewegung beizubehalten. Das ist zu Fuss nicht machbar, dafür braucht man gepanzerte Fahrzeuge – auch zum Schutz gegen Drohnen und Lenkwaffen.
Bis 2022 war Rheinmetall ein Panzer- und Munitionshersteller sowie ein Autozulieferer. Das Autogeschäft wollen Sie verkaufen. Dafür wird Rheinmetall in der Rüstung zum Vollsortimentanbieter, inklusive Schiffen und Satelliten. Das ist ein enormer Kraftakt.
Der Kraftakt ist vor allem das enorm schnelle Wachstum von über 30 Prozent pro Jahr. Das geht nur mit guten Menschen in unseren Reihen, aber wir haben so viele Bewerbungen, dass auch dies kein Problem ist. In Spanien haben wir fünf Werke erworben, die sehr gut funktionieren und sich gut skalieren lassen.
Gilt das Gleiche für die Marine?
Ja. Wir haben jüngst die NVL gekauft, also den militärischen Marinebereich der ehemaligen Lürssen-Gruppe, und in unsere neue Division Naval Systems übergeführt. Diese Leute können Marine. Die Firmen haben durch uns mehr Kapitalkraft und eine breitere Technologiebasis. Die einstige NVL hat bisher nur Schiffe gebaut und dann Radare, Feuerleitsysteme und Missiles integriert. Bald kommen viele Komponenten dann aus dem Konzern. Dadurch steigt die Wertschöpfung von vielleicht 30 auf bis zu 60 Prozent.
Der Zukauf der Marinesparte war jedoch ziemlich teuer.
Ich kaufe lieber etwas, das funktioniert, und bezahle einen fairen Preis, als dass ich etwas billig kaufe, was nicht funktioniert. Wir sind vom Team bei NVL komplett überzeugt.
Deutschland plant ein eigenes Satelliteninformationssystem, das Starlink von Elon Musk ähnlich ist. Rheinmetall will für die Ausschreibung mit dem deutschen Satellitenhersteller OHB zusammenspannen. Ein Konkurrent wird Airbus Defence and Space sein?
Wir planen mit OHB ein Joint Venture zu gleichen Teilen. Wir werden sehen, ob wir nicht mit Airbus eine Arbeitsgemeinschaft bilden können, um bei dem Projekt zu kooperieren.
Von welcher Grössenordnung sprechen wir?
Die deutsche Ausschreibung für Kommunikationssatelliten Satcom 4 umfasst 100 bis 200 Satelliten. Deutschland wird in den nächsten fünf bis sechs Jahren aber vielleicht mehr als 1000 Satelliten in den Orbit schicken. Wir würden das gerne mit weiteren Unternehmen in Europa zusammen machen. Hier kann auch die Schweiz partizipieren. Darüber gibt es bereits politische Gespräche.
Kritiker halten Ihnen vor, dass Sie so viele Projekte hätten, dass Sie sich verzetteln würden.
Wir liefern nicht nur Power-Point-Präsentationen, sondern reale Produkte, beispielsweise Drohnen. Das haben wir in den letzten drei Jahren gezeigt. Sind wir fehlerlos? Nein, überhaupt nicht. Aber wenn Sie 300 Projekte für Munition haben, und nur 10 dieser Projekte haben Verzögerungen – dann sind wir nicht schlecht unterwegs.
Erlebt Deutschland nun statt eines grünen ein olivgrünes Wirtschaftswunder?
Der Verteidigungsbereich ist nicht in der Lage, den Stellenabbau im Automobilsektor komplett zu kompensieren. Bei Rheinmetall haben wir jetzt und heute – inklusive Automotive und Naval Systems – über 40 000 Angestellte, bis 2030 werden es ungefähr 70 000 Mitarbeiter sein. In der Lieferkette können Sie von einem Faktor drei ausgehen, also zusätzlichen 210 000 Angestellten. Das ist nur Rheinmetall. 2025 haben wir Aufträge über 5 Milliarden Euro an kleine und mittelständische Unternehmen vergeben. Das ist vielleicht kein Jobwunder, aber schon eine Jobmaschine.
Bei Kampfflugzeugen geht der Trend dahin, dass diese von unbemannten Kampfjets, also Wingman-Drohnen, begleitet werden. Wie sehen Sie die Situation in Europa?
Die Entwicklung ist sehr wichtig. Der unbemannte Bereich wird in allen Waffengattungen sehr stark wachsen. Ein Kampfflugzeug wie der F-35 wird wahrscheinlich sechs Wingman-Drohnen um sich haben. Wir bewerben uns darum, diese zu bauen. Allein für Deutschland liegt der Bedarf bei 400 bis 500 Wingman-Drohnen. Diese unbemannten Kampfflugzeuge sind zum Glück deutlich günstiger als der F-35.
Und in anderen Bereichen?
Da ist es genauso. Es wird künftig Überwasserdrohnen, Unterwasserdrohnen, Luftdrohnen und unbemannte Panzer geben, also Fahrzeugdrohnen. Letztgenannte werden noch etwas dauern. Doch in 25 Jahren wird jeder Kampfpanzer von unbemannten Fahrzeugen begleitet werden. Diese Fahrzeugdrohnen kann man dann in die absolut heissen Zonen schicken.
Und das alles für einen potenziellen Kampf gegen Russland?
In Russland sind im Rüstungsbereich 6,8 Millionen Menschen tätig, bei Rheinmetall sind es – inklusive Automotive – über 40 000, beim grössten westlichen Rüstungskonzern Lockheed Martin sind es 120 000. Man geht heute davon aus, dass Russland umgerechnet in Kaufkraftparitäten 240 Milliarden Euro in die Aufrüstung investiert.
Dabei sind die Personalkosten nur ein kleiner Teil. Zudem hat Russland eine ganze Reihe von Bodenschätzen, an die es fast umsonst kommt. Warum macht Putin das? Wir wissen es nicht. Er wird sich das Material wohl nicht einfach in eine Lagerhalle stellen wollen. Wir müssen in Europa so stark sein, dass sich Putin einen Angriff dreimal überlegt.
Zur Person
Armin Papperger – Konzernchef Rheinmetall
ra. Der gebürtige Niederbayer ist ein Urgestein des Rüstungskonzerns. Der diplomierte Maschinenbauingenieur verbrachte seine gesamte Karriere bei Rheinmetall. Seit Anfang 2013 ist er Vorstandsvorsitzender, zuvor war er bereits ein Jahr Mitglied des Vorstands. Gestartet ist der heute 63-Jährige im Jahr 1990 im Qualitätsmanagement dieser Einheit. 2001 wurde Papperger Geschäftsführer mehrerer Tochtergesellschaften im damaligen Defense-Bereich, 2007 avancierte er zum Leiter der Einheit Waffen und Munition, und 2010 übernahm er die Verantwortung für die Geschäftsbereiche Fahrzeugsysteme sowie Waffen und Munition im damaligen Bereichsvorstand Defense. Aufseiten der Privatwirtschaft steht der Manager im Zentrum der deutschen Wiederaufrüstung. 2024 gab es Gerüchte über ein geplantes russisches Attentat auf ihn. Papperger ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.
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