Schaltzentralen des Ölmarktes: So reagieren Schweizer Rohstoffhändler auf den Iran-Krieg


Der Iran-Krieg erschüttert den Ölhandel. Einblick in eine Branche, die im Zentrum des Konfliktes steht.


Der Öltanker «Skylight» vor der Küste Omans geriet unter iranischen Beschuss.

PD

Gelber Sand, braune Hügel, blauer Himmel – und dazwischen eine schwarze Rauchsäule mit roten Flammen. In dieser Woche brannten Ölanlagen nahe dem Hafen von Fujairah, an der Ostküste der Vereinigten Arabischen Emirate. Trümmerteile einer iranischen Drohne hatten das Feuer ausgelöst. In Fujairah sind auch die Lager von Vitol, einem der weltweit grössten Erdölhändler mit bedeutenden Büros in Genf. Vitol hatte den Betrieb der Anlagen zum Glück vorsorglich eingestellt.

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Doch der Brand in Fujairah ist mehr als nur ein lokaler Zwischenfall. Er steht für ein Szenario, vor dem sich Energieexperten seit Jahren fürchten: eine schwere Störung der Erdölproduktion nicht nur in Iran, sondern in allen Ländern rund um den Persischen Golf. Und eine Blockade der Meerenge von Hormuz zwischen Iran und Oman, die den Schiffsverkehr aus dem Golf unterbindet.

Der Iran-Krieg hat beides geschafft. Willkommen im Worst Case.

Seither brennen die Lichter in vielen Schweizer Büros bis spätnachts. Zwar holen Saudiarabien, Kuwait, die Emirate und Katar das Erdöl und Erdgas aus der Erde. Aber wie sich die Rohstoffe auf der Welt verteilen, das entscheidet sich zum grossen Teil hierzulande: bei den Schweizer Erdölhändlern.

Die Energieanlagen am Golf sind in Irans Visier

Geschätzt ein Drittel des globalen Ölhandels wird von der Schweiz aus dirigiert. Von Firmen wie Vitol, einem Riesen der Branche, aber auch von Dutzenden kleiner Unternehmen. Sie kaufen das Rohöl und Ölprodukte ein, organisieren und chartern die Schiffe, finden Abnehmer für die Brennstoffe und handeln die Preise aus. Täglich werden am Weltmarkt Öl und Ölprodukte im Wert von rund 5 Milliarden Dollar gehandelt.

Wenig ist über das Innenleben der Handelshäuser bekannt. In einer für die Branche dramatischen Woche hat die «NZZ am Sonntag» hinter die Kulissen geschaut. Alle Befragten wollten anonym bleiben.

«Oh Gott!» Ein Händler erinnert sich, dass ihm diese Worte entfuhren, als er am Samstag auf die Nachrichten schaute. Seither hatte er wenig Schlaf. Mit den Augen hing er am Bildschirm und mit den Ohren am Telefon. Anders als der anonyme Börsenhandel ist der Rohstoffhandel noch ein «people’s business»: Gute, persönliche Beziehungen zu den Kunden sind entscheidend. Man will die Person kennen, die verspricht, einem mehrere Millionen Dollar für eine Ladung Öl zu bezahlen.

Wenn man das Öl denn liefern kann. Das Feuer von Fujairah war nicht das Einzige. Das Regime in Teheran kämpft ums Überleben und versucht, den Preis für die Angriffe aus den USA und Israel in die Höhe zu treiben. Die wichtigste Raffinerie Saudiarabiens ist bereits beschädigt, ebenso eine grosse Fabrik für verflüssigtes Erdgas (LNG) in Katar. Die Betreiber haben die Anlagen heruntergefahren. Am wichtigsten Ölfeld des Irak tut sich nichts mehr. Vor Kuwait und Oman hat Iran auch Tanker beschossen.

Es geht um viel: 30 Prozent des Erdöls und fast 20 Prozent des Erdgases werden im Nahen Osten gefördert. Die Flugabwehr der Golfländer und Saudiarabiens arbeitet auf Hochtouren. In der Nacht auf Samstag hat Riad Drohnen im Anflug auf eines seiner grössten Ölfelder abgefangen.

Das Feuer in den Ölanlagen von Fujairah wurde durch Trümmer einer abgeschossenen iranischen Drohne ausgelöst.

Amr Alfiky / REUTERS

Raus mit den Schiffen – bevor es zu spät war

Die Händler in den Büros von Genf und Zug versuchen dasselbe: Schadensbegrenzung. Schon als die Wolken des Krieges am Horizont auftauchten, begannen viele Ölhändler, sich vorzubereiten. Als dann die Raketen flogen, sei die Stimmung ruhig gewesen, berichtet einer, der bei einem grösseren Unternehmen dabei war. «Es herrschte keine Panik. Nur gespanntes Beobachten, ob wir uns genug vorbereitet hatten.»

Besonders gefährdet sind die Öltanker, von denen die grossen rund 2 Millionen Fass brennbare Flüssigkeit enthalten und etwa 160 Millionen Dollar wert sind. Deshalb versuchten die Ölhändler, frühzeitig Schiffe aus der Region abzuziehen – soweit man das bei einer der wichtigsten Drehscheiben der globalen Energieversorgung tun kann.

Über hundert Öltanker sollen noch auf der falschen Seite der Strasse von Hormuz festsitzen. Iran hat gedroht, jedes Schiff anzugreifen, das den Persischen Golf durch diesen einzigen Ein- und Ausweg verlassen will. Einer der letzten Supertanker, die hinauskamen, trägt den passenden Namen «Very Lucky».

Ein Öltanker soll es gewagt haben, mit ausgeschaltetem Transponder und bei Nacht und Nebel durch die nur drei Kilometer breite Fahrrinne zu entkommen. Aber das Risiko ist immens – und kein Risikomanager in Zug oder Genf würde es eingehen wollen. Auch mehrere Containerschiffe von MSC aus Genf, der weltgrössten Reederei, sitzen im Persischen Golf fest. Ebenso Frachter der Konkurrenten A. P. Möller-Maersk aus Dänemark und Hapag-Lloyd aus Deutschland.

Eine Fahrt durch die Strasse von Hormuz ist zu gefährlich: Der Öltanker «Trikwong Venture» ankert vor der Küste Omans.

Benoit Tessier / Reuters

Krieg bedeutet immer auch Chaos

Deshalb gehörte es für die Händler auch zur Kriegsvorbereitung, möglichen Ersatz zu organisieren. Rohöl gibt es in vielen Qualitäten. Ein Händler muss seinem Kunden, zum Beispiel einer Raffinerie, genau definierte Produkte liefern: Rohöl mit viel oder wenig Schwefel, dünn oder zähflüssig.

Das kann er sich auch besorgen, indem er andere Ölsorten kauft und mischt, um dieselbe Qualität zu erreichen. Zum Beispiel Öl aus Südamerika und Afrika. Am besten tut er das, bevor es alle Konkurrenten versuchen. «Ein Händler muss immer Alternativen in der Hinterhand haben, wenn er sich verpflichtet hat, einen Kunden zu beliefern. Sonst geht er ein zu grosses Risiko ein», sagt ein Händler.

So weit die Theorie. Krieg bedeutet immer auch Chaos. Und Chaos herrscht laut dem Analysehaus Drewry in Teilen des Ölmarktes, wo Käufer derzeit versuchten, sich schnell Öl aus Westafrika sowie Mittel- und Nordamerika zu sichern, um das vom Golf zu ersetzen.

Das Öl aufzutreiben, ist nicht das einzige Problem. Man braucht Schiffe, um es zu transportieren. Viele Tanker sitzen am Golf fest, andere sind schlicht am falschen Ort. Die längeren Transportwege erhöhen nicht nur die Kosten, sie halten die Schiffe auch länger belegt. Die Preise zum Chartern von Tankern sind explodiert und liegen auf dem höchsten Stand seit 2008.

Je länger der Nahe Osten als Energielieferant ausfällt, desto teurer wird es. Der Rohölpreis für die Referenzsorte Brent ist in dieser Woche kontinuierlich von 73 Dollar je Fass vor Kriegsbeginn auf zuletzt 93 Dollar gestiegen. Bei einem andauernden Konflikt halten Experten einen Preis von mehr als 100 Dollar für möglich. Auf dem Hoch der Ukraine-Krise waren es 120 Dollar.

Schon eine kleine Preisbewegung kann einem Händler einen grossen Gewinn bescheren, wenn das gehandelte Volumen und damit der Einsatz hoch genug sind. Schnell und simpel verdientes Geld, liesse sich denken. Leider – aus Sicht der Händler – ist das nicht so.

Verzocken kann sich ein Händler schnell

Simpel ist nur die Theorie: Ein Händler kauft Öl zum Marktpreis und hofft, dass der Preis steigt, um dann zu verkaufen. Oder der Händler verspricht einem Kunden, ihm in der Zukunft Öl zu einem fixen Preis zu liefern – und hofft, dass der Marktpreis bis dahin fällt und er das Öl dann günstig beschaffen kann.

Doch geht die Wette auf den Marktpreis schief, kann das existenzbedrohend sein. Kleine Händler können der Versuchung manchmal dennoch nicht widerstehen. Der starke Anstieg der Rohstoffpreise in dieser Woche habe einige von ihnen auf dem falschen Fuss erwischt, ist zu hören. «Manche dürften gestürzt sein», sagt einer, der sich rechtzeitig zurückzog.

Grosse Ölhändler vermeiden diese Risiken. Man liege einfach zu oft falsch, sagt ein Insider: «In nur einer Minute kann man sein Hemd verlieren.» Wer lange im Geschäft bleiben wolle, der spiele nicht.

Vor allem nicht, wenn er mit fremdem Geld spielen würde. Die riesigen Summen zum Handel mit Rohstoffen werden in den meisten Fällen von Banken vorgeschossen. Die achten sehr genau darauf, was mit ihrem Geld passiert – und sie verlangen Sicherheiten wie auch Versicherungsschutz für die Schiffe und die Fracht.

Solche Versicherungen sind für Schiffe im Persischen Golf exorbitant teuer geworden. US-Präsident Donald Trump hat den Schiffsbetreibern Hilfe bei den Prämien versprochen. Wie er das machen will, weiss niemand. Selbst wenn sich ein westlicher Händler trauen würde, durch die Strasse von Hormuz zu fahren, wäre es jetzt extrem teuer.

Öllager in Kuwait: Wenn die Tanks voll sind, muss die Ölförderung eingestellt werden. Der Rohstoff kann nicht mehr exportiert werden.

Nicolas Economou / Reuters

Die Karten werden neu gemischt

Weil Wetten auf den Preis so gefährlich sind, tun grosse Rohstoffhändler in der Regel etwas, das einem Investmentbanker oder einem Hedge-Fund-Manager viel zu langweilig wäre: Sie sichern ihr Geschäft so stark ab, dass sehr wenig Risiko bleibt – und sehr wenig Rendite. Fast jedes Fass Öl, das sie kaufen, wird zu einem garantierten Zeitpunkt zu einem garantierten Preis wieder verkauft. Die Preise liegen nicht weit auseinander. Die Marge ist dünn, aber sicher. Der Gewinn läppert sich durch die schiere Masse an gehandeltem Öl.

Der Trick liegt darin, auf diese Masse zu kommen. Der Ölmarkt ist einer der grössten Märkte der Welt. Rund 40 Millionen Fass Rohöl werden pro Tag international gehandelt. Abgefüllt in Tankwagen, wäre das eine Schlange von Zürich nach Madrid und zurück. Entsprechend viele Händler mischen mit und liefern sich einen harten Preiskampf. Sie organisieren die Schiffe Monate im Voraus und schliessen langfristige Lieferverträge ab.

Halten Schocks wie der Iran-Krieg lange Zeit an, mischen sich die Karten am Rohstoffmarkt neu. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine veranlasste Europa, sich von russischem Erdöl und auch immer stärker von russischem Erdgas zu verabschieden. Die EU brauchte mehr Öl und Gas vom Weltmarkt. Da entstanden «Opportunitäten», wie es ein Händler nennt, um sich in ein neues Geschäft einzuklinken.

Für echte Opportunitäten muss man geduldig sein. Der globale Ölmarkt war vor dem Iran-Krieg überversorgt. Die weltweiten Öllager reichen laut der Rating-Agentur Fitch aus, um bei einem Ausfall der Strasse von Hormuz den Bedarf für mehr als 400 Tage zu decken – rein rechnerisch.

Grund zum Zurücklehnen gibt es am Ölmarkt trotzdem nicht. «Nach ein paar Wochen oder einem Monat wird die Hormuz-Blockade unangenehm», sagt ein Händler. Das zeigt sich regional schon jetzt bei einzelnen Ölprodukten, etwa dem Flugtreibstoff in Europa. Die Region bezieht ihr Kerosin primär von Raffinerien im Nahen Osten und hat keine eigenen Kapazitäten zur Herstellung. Der Preis für Kerosin ist in die Höhe geschossen.

Erdgas macht grössere Probleme als Erdöl

Auch Erdgas hat sich stark verteuert. Der Markt für verflüssigtes Erdgas (LNG) ist angespannter als der für Rohöl. Katar, einer der weltweit grössten Produzenten, lieferte den Brennstoff zum Heizen und zur Stromerzeugung vor allem nach Asien. Jetzt kommen Katars LNG-Tanker nicht mehr durch, und die Produktion ist gestoppt.

Das erste Schiff, das wegen des Iran-Kriegs weit abseits vom Golf den Kurs änderte, war kein Öltanker, sondern ein LNG-Transporter. Er war auf dem Weg nach Europa und erhielt vor der Küste Afrikas neue Order. Jetzt fährt die «BW Brussels» nach Asien, wie das Analysehaus Kpler beobachtet hat. Dort wird mehr gezahlt.

Wahrscheinlich werden im LNG-Handel die Karten schneller neu gemischt als im Ölhandel. Asien braucht neue Lieferanten. Die Europäer brauchen Ersatz für Lieferungen, welche die Asiaten ihnen wegkaufen. Vielleicht fahren nun manche Gaskraftwerke in Asien und Europa den Betrieb herunter, und Kohlekraftwerke müssen einspringen. Kohle wird ebenfalls aus der Schweiz heraus gehandelt, etwa vom Branchenriesen Glencore.

Egal, ob nur ein Ölterminal brennt oder eine Weltregion: Die Rohstoffhändler in Genf und Zug stehen bereit. Zuerst müssen sie sich vom Feuer fernhalten. Aber nachdem ein Markt abgebrannt ist, beginnt das Wettrennen, ihn neu aufzubauen.


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