Bei der letzten amerikanischen Grossoffensive im Nahen Osten hat Spanien schlechte Erfahrungen gemacht. Der linke Regierungschef nutzt dieses Trauma geschickt. Im Wissen, dass im Ernstfall andere das Land schützen.

Schon in seiner ersten Amtszeit beäugte Donald Trump den sozialistischen Regierungschef Spaniens kritisch. Wie hier am Rande des Nato-Gipfels im Juli 2018. Heute ist das Verhältnis zerrüttet.
Francois Lenoir / Reuters
Pedro Sánchez hat inzwischen Übung im Umgang mit Drohungen aus Washington. Am Mittwoch war es wieder soweit: Spaniens linker Regierungschef reagierte auf Donald Trumps Drohung, den gesamten Handel mit Spanien zu kappen, weil Madrid die laufenden US-Angriffe auf Iran nicht unterstützen will.
Die amerikanischen Luftstreitkräfte nutzen seit den achtziger Jahren zwei Basen im Süden des Landes. Doch Sánchez hat Washington nun mitgeteilt, dass von dort aus keine Unterstützung für den Iran-Krieg geleistet werden darf. Die dort stationierten Tank- und Transportflugzeuge mussten nach Grossbritannien ausweichen.
Sánchez spricht für eine Mehrheit
Auf den ersten Blick ist Sánchez’ Haltung nachvollziehbar. Ein grosser Teil der spanischen Bevölkerung – ebenso wie viele Menschen im übrigen Europa – möchte nicht in diesen ohne internationales Mandat begonnenen Krieg hineingezogen werden. Zumal zweifelhaft ist, ob er als Präventivschlag überhaupt vom Völkerrecht gedeckt ist. Hinzu kommt, dass Anti-Amerikanismus und Misstrauen gegenüber Israel in Spanien, besonders in Teilen der politischen Linken traditionell verbreitet sind. Seit dem Gaza-Krieg haben diese Reflexe nochmals deutlich an Schärfe gewonnen.
Für den Sozialisten Sánchez ist die Konfrontation mit Trump deshalb eine willkommene Bühne. Mit seiner Bevölkerung im Rücken kann er sich Trump entgegenstellen und als Verteidiger des Völkerrechts präsentieren. Als Verteidiger einer Weltordnung, die auf Frieden und Freihandel setzt. Entsprechend drastisch fiel seine Wortwahl aus: Die Eskalation im Nahen Osten gleiche einem «russischen Roulette mit dem Schicksal von Millionen».
In seiner Rede am Mittwoch beschwor Sánchez auch das Irakkrieg-Trauma seines Landes. Damals entsandte eine konservative Regierung spanische Truppen an der Seite der USA – wenig später erschütterte der blutige Anschlag von al-Kaida auf den Madrider Hauptbahnhof Atocha das Land. 193 Menschen starben dabei, über 2000 Menschen wurden verletzt.
Spanien lebt vom Schutz der Bündnisse
Die Angst, dass ausgerechnet Spanien in den aktuellen Krieg hineingezogen wird, wirkt allerdings überzogen. Zwar dürfte die Terrorgefahr wie in ganz Europa gestiegen sein. Von einer iranischen Attacke ist das Land aber wegen seiner geografischen Lage nicht bedroht: selbst die weitreichendsten ballistischen Raketen und Drohnen aus Iran erreichen spanisches Territorium nicht. Zwischen der iranischen und spanischen Aussengrenze liegen mehr als 4000 Kilometer. Und selbst wenn, müssten die Geschosse mehrere Abwehrschirme überwinden, bevor sie ihr Ziel erreichen.
Für diesen Schutz sorgt nicht Madrid, sondern vor allem Israel und die USA – unterstützt von Grossbritannien und Frankreich, die ihrerseits Schiffe ins östliche Mittelmeer verlegen wollen. Mit Ausnahme Israels sind all diese Staaten, wie Spanien selbst, Mitglieder der Nato. Wie schon im Ukraine-Krieg profitiert das Land auch jetzt davon, die Hauptteil der Schutzlast den Partnern überlassen zu können, die unmittelbarer betroffen sind.
Auch Trumps Embargo-Drohung ist für das Land vergleichsweise harmlos: Spaniens Aussenhandel mit den USA ist überschaubar. Als Teil der EU geniesst Madrid in Handelsfragen zudem den Schutz des Bündnisses. Ein Embargo gegen Spanien würde die EU als Ganzes treffen und dürfte entsprechend eine europäische Antwort nach sich ziehen. Brüssel stellte sich denn auch umgehend vor Madrid; aus anderen Hauptstädten kamen ebenfalls Solidaritätsbekundungen.
Sánchez nahm diese gern entgegen. Denn der Regierungschef ist überzeugt: «Aus Angst vor Vergeltung darf man sich nicht an etwas mitschuldig machen, das der Welt schadet und unseren Werten und Interessen widerspricht.» Das klingt heroisch – und ist politisch risikolos, für ihn wie für Spanien. Für die Folgen verlassen sich Regierung und Land schliesslich gern auf andere.

