Der Schweizer Tourismus zittert, und die Finanzindustrie frohlockt. Was am Persischen Golf passiert, hat Auswirkungen auf die ganze Welt.
Da war die Welt noch in Ordnung: Burj Khalifa.
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Trümmer fallen auf das Luxushotel Burj al-Arab und den Dubai International Airport. Die künstliche Insel Palm Jumeirah geht in Flammen auf. Die Hunderten von iranischen Drohnen- und Raketenangriffen der letzten Tage gelten nicht etwa dem amerikanischen Militärstützpunkt in den Emiraten. Sie sind gegen weltweit bekannte Wahrzeichen gerichtet.
Der scharfe Kontrast zwischen der sonst so perfekten Luxuswelt aus Wolkenkratzern, Luxusresorts oder riesigen Malls und der brutalen Realität von heulenden Sirenen und fliegenden Drohnensplittern ist für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ein PR-Desaster.
Auf dem Spiel steht aber mehr als die inszenierte Lebenswelt der Dubai-Influencer, die gerade viel Schadenfreude einstecken müssen. Dubai und Abu Dhabi, die beiden wichtigsten der sieben Emirate, haben sich zu globalen Schnittstellen für Wirtschaft und Politik entwickelt. Die Folgen des Krieges sind bereits weltweit zu spüren. Und werfen die unangenehme Frage auf: Überlebt das System Dubai?

Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate: Mohammed bin Zayed.
Reuters
Ein Schweizer, der von Anfang an dabei war, ist Peter Baumgartner. Der Geschäftsmann hat ab 2005 mitgeholfen, Etihad aufzubauen, die National-Airline des Emirats Abu Dhabi. Dessen Herrscher Mohammed bin Zayed ist auch Präsident der VAE.
Zwischen 2016 und 2018 war Baumgartner CEO von Etihad. Er sagt: Wenn man das Gleichgewicht in der Region erschüttern wolle, müsse man die Wahrnehmung von Sicherheit in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten stören.
Dies bringe das jahrelange, sorgfältig aufgebaute Selbstbild von der heilen Welt ins Wanken. «Iran wusste genau, was diese Bilder auslösen würden. Das Ziel: den Preis für den Angriff auf das eigene Land möglichst hochzutreiben.»
Und das ist gelungen. Denn in den letzten Jahren haben sich Tausende von Banken, Hedge-Funds, KI-Firmen, Krypto-Dienstleistern oder Investoren in diesem boomenden Steuerparadies niedergelassen, mitsamt einem Tross von Hunderttausenden von Expats. Jetzt wird vielen der Zugezogenen die Situation zu brenzlig. Wer diese Woche eine Möglichkeit fand, hat Dubai und Abu Dhabi fluchtartig verlassen.
Boom, der mit zwei Airlines begann
Einfach ist das nicht. Die Flugzeuge der grossen Netzwerk-Airlines Etihad in Abu Dhabi und Emirates in Dubai müssen grösstenteils am Boden bleiben. Sie haben das Wirtschaftswunder am Persischen Golf überhaupt erst möglich gemacht. Peter Baumgartner hat wesentlich dabei mitgeholfen. Der Führung ist bewusst gewesen: «Es braucht direkte Luftbrücken, damit die Leute den Weg nach Abu Dhabi finden.» Die Strategie: zuerst der People-Flow, dann der Capital-Flow. Dasselbe gilt für Emirates in Dubai.

War CEO von Etihad: Der Schweizer Peter Baumgartner.
«Viele Leute lernen zuerst Etihad kennen, bevor sie Abu Dhabi erleben», sagt Baumgartner. Die Airline sei die Visitenkarte des Landes, im wahrsten Sinne des Wortes ein Flag-Carrier. Doch nun können diese Jets, der ganze Stolz der Emirate, nicht mehr abheben. Immer noch harren Tausende vor Ort aus. Viele von ihnen sind Umsteigepassagiere, die nie geplant hatten, einen Aufenthalt in Abu Dhabi oder Dubai einzulegen.
Jetzt fehlen dem Markt Abertausende Plätze. Das ist nicht nur ein Problem für Dubai und Abu Dhabi, sondern hat Auswirkungen auf die ganze Welt. «Diese Hub-Flughäfen sind fundamental wichtig für den Schweizer Tourismus», teilt etwa Schweiz Tourismus mit. Viele Gäste aus der Golfregion, Fernost, Australien und Afrika kämen über diese in die Schweiz.
In Südostasien hätten bereits Stornierungswellen begonnen, so Schweiz Tourismus. Diese seien «gewichtig». März und April sind eine beliebte Ferienzeit. Dasselbe gelte für indische Touristen, welche ebenfalls gerne im Frühling in die Schweiz kämen.
Das Schweiz-Tourismus-Büro in Dubai ist zwar weiter in Betrieb. Andere Schweizer verlassen das Land – wenn sie denn können.
Einer, dem die Ausreise gelang, ist Christian Kälin. Der Präsident von Henley & Partners, einem Unternehmen, das reiche Menschen bei der Wohnsitzplanung berät, fuhr in der Nacht im Auto nach Oman. Er fand noch einen Flug von Maskat nach Rom. «Ich hätte nicht gedacht, dass die Emirate umgehend angegriffen werden», sagt Kälin. «Wir haben ein grosses Büro in Dubai, wo viele unserer Topleute arbeiten. Ich bin auch oft vor Ort.»
Wie verhalten sich die Kunden von Henley & Partners? Die Reichen, von denen viele Wohnsitz genommen haben in Dubai oder Abu Dhabi? «Einige unserer dort ansässigen Klienten wollen nun panikartig weg aus den Emiraten, die meisten reagieren jedoch besonnen und warten erst einmal ab», sagt Kälin.
Zuzug von 9800 Millionären in einem Jahr
Letztes Jahr haben sich gemäss Henley & Partners schätzungsweise 9800 Millionäre in den VAE angesiedelt. Kein anderes Land konnte nur annähernd so viele Reiche anlocken. Sogar die USA, traditionell ein Magnet für Gutbetuchte, liegen mit 7500 Neuansiedlungen bereits etwas abgeschlagen auf Platz 2.

Schaffte die Ausreise über Oman: Christian Kälin.
PD
Allerdings sind die Reichen auch schnell wieder weg, wenn es ihnen nicht behagt. Kälin sagt, die jetzigen Turbulenzen seien «ein Reality-Check»: «Bisher waren Dubai und Abu Dhabi scheinbar immun gegenüber den Ereignissen in einer volatilen Welt.»
Das ändert sich gerade. Die Unruhen im Nahen Osten würden den Schweizer Finanzplatz mit Sicherheit stärken, sagt der Chef einer Zürcher Privatbank, der namentlich nicht genannt werden möchte. Wenn so etwas passiere, lernten Kunden die Sicherheit und Verlässlichkeit der Schweiz wieder neu schätzen. Er ist darüber aber nur mässig erfreut, denn seine Bank hat vor kurzem eine Lizenz in Abu Dhabi erhalten und zwei Mitarbeiter dorthin entsandt.
Ein Schweizer, der in einer Kaderposition bei einer internationalen Bank arbeitet, sagt, dass er persönlich zwar keine Angst habe, zumal er nicht ins Büro zurückkehren müsse, dessen Lage «etwas exponiert» sei.
Doch seine Frau macht sich mehr Sorgen und bereut es, nicht rechtzeitig abgereist zu sein. Ein eng befreundetes Paar aus Grossbritannien flog vor Ausbruch des Krieges in die Heimat und liess offen, ob es zurückkehrt. Der Schweizer Manager sagt, er habe zum ersten Mal in seinem Leben einen Notvorrat an Lebensmitteln, Wasser und Alkohol angelegt.
Kommt es zum Immobiliencrash?
Er meint warnend: Wenn der derzeitige Zustand ein paar Monate andauere, könnte dies zu Problemen führen wie während der globalen Finanzkrise von 2008. Als damals die globale Liquidität versiegte, fielen die Immobilienpreise in Dubai um 50 bis 60 Prozent, auch an begehrten Lagen.
Dubai stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und musste vom erdölreichen Nachbaremirat mit einem Notkredit gerettet werden. Wenn die vielen ausländischen Immobilienbesitzer zu dem Schluss kämen, dass ein Preiseinbruch drohe, könnten sie versucht sein, ihre Wohnungen und Häuser möglichst schnell abzustossen, um diesem zuvorzukommen. Das würde dann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.
Gemäss Bloomberg sind die Immobilienpreise in Dubai allein seit 2019 um mehr als 70 Prozent gestiegen und bewegen sich nun in luftigen Höhen. Dies auch dank Schweizerinnen und Schweizern. Sie investierten eifrig in Dubai-Immobilien. Das sagt Bonni Kuruvilla, der für die Immobiliengesellschaft Remax entsprechende Liegenschaften vermittelt: «Das Interesse ist sehr hoch. Grund ist die spezielle Situation in Dubai.»
Denn Zinsen auf Hypotheken gibt es nicht, das verstösst gegen die Regeln der Scharia, des islamischen Rechtssystems. Und da die Schweiz mit den Emiraten ein Doppelbesteuerungsabkommen hat, werden auch keine Steuern auf die Immobilien fällig. In Dubai könne man an einem Tag eine Wohnung kaufen und am nächsten gebührenfrei wieder verkaufen, sagt Kuruvilla. Sogar eine Aufenthaltsbewilligung braucht es dafür nicht. «Alles ist auf Business ausgelegt.»
Dies ist zwar attraktiv für Investoren, da hohe Gewinne winken. Doch es birgt auch die Gefahr, dass es schnell wieder abwärts gehen kann. Ein Crash würde weit über Dubai hinaus zu spüren sein.
Die rasante Entwicklung der Emirate führte dazu, dass die Region zu einer kleinen Weltmacht aufgestiegen ist. Die Ambitionen der Scheichs haben sich bezahlt gemacht. Bis vergangene Woche. Da wurde der ganzen Welt vor Augen geführt, wie verletzlich das System Dubai ist.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»



