Mit Tegut wollte die Migros im deutschen Detailhandel mitmischen. Nun bricht sie das Experiment ab und verkauft die Supermarktkette. Damit endet ein Kapitel aus einer Zeit, in der sich die Migros mehr als einmal überschätzte.
Ein Ende mit Schrecken: Die Migros verkauft die 340 Tegut-Filialen in Deutschland.
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Mehr als zehn Jahre lang hat die Migros versucht, in Deutschland eine Supermarktkette zum Laufen zu bringen. Am Ende bleibt nur die Kapitulation: Die Genossenschaft Migros Zürich (GMZ) verkauft Tegut.
«Wir haben beschlossen, uns komplett aus dem deutschen Markt zurückzuziehen», sagte der GMZ-Chef Patrik Pörtig am Dienstag an einem kurzfristig einberufenen Gespräch mit den Medien. Tegut gehört seit 2013 zur Migros Zürich und wird ihr als «teure Übung» in Erinnerung bleiben, wie Pörtig es nannte. «Es ist wichtig, dass wir dieses Kapitel schliessen. Aber es stimmt: Das Ganze kostet uns viel.»
Insgesamt rechnet die Genossenschaft mit Verlusten von bis zu 600 Millionen Euro, umgerechnet 570 Millionen Franken. Darin enthalten seien Wertberichtigungen, Schuldenschnitte und operative Verluste aus den vergangenen Jahren sowie die noch anfallenden Kosten für die Abwicklung. Zum Vergleich: Das Eigenkapital der Migros Zürich belief sich zuletzt auf eine Milliarde Franken.
Als Grund für den Verkauf nennt Pörtig, dass es der Migros nicht gelungen sei, das Unternehmen so aufzustellen, dass es in absehbarer Zeit profitabel arbeiten und langfristig bestehen könne. Der Umsatz wuchs nicht. Gleichzeitig habe sich das Marktumfeld in Deutschland verschärft. Pörtig verwies auf eine gedrückte Konsumentenstimmung und auf «extrem aggressive Mitbewerber».
Doch der Rückzug aus Deutschland ist mehr als nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Mit dem Verkauf von Tegut geht auch eine Ära zu Ende, in der sich die Migros noch mehr zutraute – und sich entsprechend viel erlaubte.
Die Marke Tegut wird verschwinden
Wie genau der Verkauf umgesetzt wird, ist noch nicht vollständig geklärt. Einen wesentlichen Teil der Filialen soll der deutsche Detailhändler Edeka übernehmen. Eine entsprechende Vereinbarung wurde bereits unterzeichnet. Zum Paket gehören laut Migros auch ein Logistikzentrum sowie die Biobäckerei Herzberger.
Wie viele Filialen Edeka genau übernehmen wird, bleibt vorerst unklar. Der Kauf muss noch vom deutschen Bundeskartellamt bewilligt werden. Insgesamt betreibt Tegut rund 300 Supermärkte sowie 40 sogenannte Teo-Läden, das sind kleine, automatisierte Verkaufsstellen ohne Personal. Für die restlichen Standorte führt die Migros laut eigenen Angaben Gespräche mit anderen Händlern aus dem deutschen Detailhandel.
Fest steht allerdings schon jetzt: Die Marke Tegut wird verschwinden. «Im Zuge der Gespräche mit potenziellen Käufern haben wir gemerkt, dass niemand den Mut hat, neu in diesen Markt einzutreten», sagte Pörtig. Internationale Händler hätten kein Interesse gezeigt. Gefragt gewesen seien vor allem die Standorte. Die bisherigen Tegut-Läden werden künftig also unter anderen Marken weitergeführt.
Tegut beschäftigt in Deutschland rund 7400 Mitarbeitende. Die meisten von ihnen sollen von neuen Betreibern übernommen werden. Allerdings rechnet die Migros damit, dass einzelne Filialen geschlossen werden müssen.
Über den Verkaufspreis schweigt sich die Migros aus. Medien hatten zuletzt spekuliert, das Tegut-Engagement könnte die Migros im Extremfall – also wenn sie keine Käufer für die Standorte gefunden hätte – bis zu einer Milliarde Franken kosten. Diese Zahl wies Pörtig am Dienstag nicht ausdrücklich zurück. Daraus lässt sich schliessen, dass der Restwert der Filialen grob in der Grössenordnung von rund 400 Millionen Euro liegen dürfte.
Von Anfang an ein Abenteuer
Die Geschichte von Tegut und der Migros begann vor etwas mehr als einem Jahrzehnt. Und sie erzählt viel über eine Migros, die damals anders war als heute. Denn nicht der Migros-Genossenschafts-Bund entschied sich 2012 für die Expansion nach Deutschland, sondern die Regionalgenossenschaft Zürich.
Die Regionalgenossenschaften betreiben zwar das Supermarktgeschäft in ihren Regionen, verfügen aber über grosse wirtschaftliche Freiheiten. Sie können eigene Firmen gründen oder Unternehmen übernehmen, auch im Ausland. So kam es, dass die Migros Zürich die damals angeschlagene Supermarktkette Tegut kaufte, die vor allem rund um Fulda im Bundesland Hessen tätig war.
Initiator des Kaufs war der damalige Migros-Zürich-Chef Jörg Blunschi. Als die Übernahme bekannt wurde, fragte die deutsche «Lebensmittelzeitung» spöttisch: «Weiss der Mann eigentlich, wovon er spricht?»
Nicht erst heute zeigt sich: Die Zweifel waren berechtigt.
Tegut brachte der Migros von Anfang an Verluste. Seit der Übernahme schrieb die Kette nur wenige Jahre überhaupt schwarze Zahlen – und das während der Pandemie, als die meisten Detailhändler von steigenden Umsätzen profitierten.
Tegut blieb ein Zwerg
Die Schwierigkeiten dürften auch mit dem unklaren Profil von Tegut zu tun gehabt haben. Das 1947 gegründete Familienunternehmen setzt seit den achtziger Jahren stark auf Biolebensmittel, ein reiner Bio-Händler wurde es jedoch nie. Gleichzeitig ist das Sortiment für einen klassischen Supermarkt vergleichsweise klein und teuer.
Und dennoch hoffte die Migros, mit Tegut durchzustarten. Es waren Jahre, in denen die Genossenschaft deutlich grössere Ambitionen verfolgte. Neben Tegut investierte die Migros Zürich etwa in Fitnessstudios jenseits der Grenze. Auch dieses Projekt scheiterte später, doch zu jener Zeit schien eben nur wenig unmöglich zu sein.

Zu teuer für einen Supermarkt, zu beliebig für die Nische: Tegut hat ein unklares Profil.
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Die Idee der Migros Zürich war, Tegut als hochpreisigen Qualitätshändler zu positionieren und Produkte aus der eigenen Migros-Industrie zu vertreiben. Doch der Plan ging nie auf.
«Gerade während der Pandemie haben viele Händler ihr Bio-Sortiment massiv ausgebaut», sagte Pörtig am Dienstag. Gemeint sind die Discounter Lidl und Aldi sowie die grossen Handelsketten Edeka und Rewe. Im Vergleich zu ihnen blieb Tegut ein Zwerg. Der Marktanteil liegt laut der Migros heute bei weniger als zwei Prozent.
Neuer Chef, neuer Sanierungsplan
Und doch wollte die Migros lange nicht einsehen, was sie sich mit Tegut eingehandelt hatte. Noch vor zwei Jahren hiess es aus Zürich, ein Verkauf stehe nicht zur Debatte.
Erst mit dem Führungswechsel kam Bewegung in das Thema. Nachdem Patrik Pörtig Mitte 2024 die Leitung der Genossenschaft übernommen hatte, setzte er ein Sparprogramm auf. Ziel war es, bis Ende dieses Jahres wieder schwarze Zahlen zu erreichen.
In der Zentrale wurden 120 Stellen gestrichen, und einige Filialen wurden verkauft. Thomas Gutberlet, der Enkel des Firmengründers und langjähriger Geschäftsführer, musste seinen Posten räumen. Stattdessen schickte die Migros eigene Manager aus Zürich nach Fulda, um das Geschäft neu auszurichten.
Und die Zahlen verbesserten sich tatsächlich: Der operative Verlust konnte von 55 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 26 Millionen im vergangenen Jahr halbiert werden. Doch das Ergebnis beruhte auf Kostensenkungen und nicht auf steigenden Umsätzen. Tegut verlor weiter Marktanteile.
Bei der Migros Zürich setzte sich deshalb allmählich eine überfällige Erkenntnis durch: Tegut hat keine Perspektive mehr.
Die neue Migros ist vorsichtig geworden
Personelle Konsequenzen hat das Ende von Tegut nach Angaben der Migros nicht. Einige der Verantwortlichen von damals sind bereits verschwunden. Vor Gutberlets Abgang war schon Jörg Blunschi wegbefördert worden: zum Präsidenten der Regionalgenossenschaft Migros Aare. Obwohl damals schon klar war, dass Tegut Millionen verschlang. Erst vor einem Jahr musste er auch dieses Amt aufgeben.
Patrik Pörtig betonte zudem, dass der Rückzug allein von der Migros Zürich beschlossen worden sei. Ganz unabhängig von der Zentrale dürfte der Entscheid allerdings nicht gefallen sein.
Der Migros-Gruppenchef Mario Irminger verfolgt seit zwei Jahren einen Kurs, der sich wieder stärker auf das Kerngeschäft konzentriert: die Supermärkte in der Schweiz. Ein Engagement im hart umkämpften deutschen Detailhandel passt in diese Strategie kaum noch hinein.
Mit dem Verkauf von Tegut endet damit eines der ungewöhnlichsten Kapitel der Unternehmensgeschichte: Der Ausflug ins Ausland erzählt viel über die alte Migros. Und über eine neue Migros, die vorsichtiger geworden ist.

