Die Ziele des amerikanischen Angriffs auf Iran bleiben unklar. Das macht einen Rückzug leichter, was im Wahljahr viele Amerikaner wünschen. Doch die Iraner dürften es Trump nicht so einfach machen.
Nicht nur die stark gestiegenen Benzinpreise in den USA sprechen für ein rasches Ende des Iran-Krieges.
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Präsident Trump bleibt sich auch in der Stunde des Krieges treu. Erst verschreckte er mit seinem hastigen, verwirrend erklärten Angriff auf Iran die Finanz- und Rohstoffmärkte. Dann vermochte er sie mit einer kurzen Erklärung rasch wieder zu beruhigen. Dabei bleibt die Kommunikation der Regierung konfus. Trump deutete am Montag an, der Krieg könnte rasch zu Ende sein. Gleichzeitig gab sich Verteidigungsminister Hegseth kämpferisch und kündigte für die nächsten Tage die schwersten Luftangriffe an.
Die Märkte haben sich zu einer optimistischen Interpretation entschlossen, auch wenn sie weiterhin nervös sind. Der rasante Anstieg der Erdölpreise und der Renditen für Staatsanleihen wurde stark gedämpft. Die Aktienkurse machten am Dienstag und Mittwochmorgen einen Teil der früheren Verluste wett. Wird der Spuk bald vorbei sein?
Das wäre mit Blick auf die Opfer des Krieges und die Aussichten für die Weltwirtschaft zu hoffen. Niemand weiss die Antwort, denn Trumps erratisches Denken und Handeln ist nicht vorhersehbar. Doch eine Analyse der Interessenlagen der wichtigsten Akteure im Krieg kann einige Hinweise geben.
Die Amerikaner wünschen keinen Krieg
Die Finanzmärkte orientieren sich nach Trumps Aussagen von Montag am «Taco»-Prinzip («Trump always chickens out»), das sich im letzten Jahr angesichts der ebenfalls wirtschaftlich schädlichen Zollpolitik des Präsidenten gefestigt hatte. Demnach prescht Trump mit aggressiven Massnahmen vor, macht aber schnell wieder einen Rückzieher, sobald sich an den Finanzmärkten schmerzhafte Kosten ankündigen.
Auch diesmal gibt es zwei gute Argumente für «Taco»:
1. Wirtschaftliche Kosten für die USA: Iran hat als Reaktion auf den Angriff die Strasse von Hormuz blockiert, durch die in Friedenszeiten 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls transportiert werden. Auch der Welthandel mit Flüssiggas und weiteren wichtigen Gütern wie Helium, das für die Chip-Produktion in Taiwan und Südkorea benötigt wird, oder Grundstoffen für die Düngerproduktion wurde beeinträchtigt. Direkt betroffen sind vor allem Abnehmer in Asien. Doch weil die Märkte für Erdöl, Erdgas, Computerchips oder Dünger global sind, kann sich niemand dem Effekt der momentanen Verknappung des Angebots und der Unsicherheit über die weitere Entwicklung entziehen.
Das gilt auch für die USA. Sie müssen zwar als Nettoexporteur von Erdöl und Erdgas keinen Energiemangel befürchten. Doch der Anstieg der Weltmarktpreise belastet auch amerikanische Unternehmen und Verbraucher. Trumps Wirtschaftspolitik ist in seiner Heimat ohnehin unpopulär, da das im Wahlkampf versprochene «goldene Zeitalter» in Form tieferer Konsumgüterpreise und kräftigen Wirtschaftswachstums auf sich warten lässt.
Nun sind die in den letzten Monaten gesunkenen Benzinpreise wegen des Iran-Kriegs um etwa 25 Prozent gestiegen. Sollte die Blockade des Seeverkehrs im Persischen Golf noch mehrere Wochen oder gar Monate anhalten, müsste ein Teil der Förderanlagen der Golfstaaten mangels Transportmöglichkeit eingestellt werden. Ein Wiederanlaufen dieser Anlagen nähme weitere Wochen in Anspruch. Das kumulierte Angebotsdefizit könnte in der Folge das ganze Jahr hindurch zu erhöhten Preisen führen. Auch die Preise für weitere Güter wie Computerchips oder Nahrungsmittel könnten deutlich steigen. Das würde die Unzufriedenheit in den USA verstärken und käme Trump und den Republikanern sehr ungelegen, da Anfang November die wichtigen Kongress-Zwischenwahlen stattfinden.
2. Fehlendes Verständnis für den Iran-Krieg: Je länger Kriege dauern, desto mehr nimmt die Kriegsmüdigkeit zu. Die Zustimmung zum Krieg erodiert und wird in einer Demokratie zu einem Problem für die kriegführende Regierung. Der jüngste Angriff auf Iran startete schon von einer sehr geringen Zustimmung in der Bevölkerung, wie verschiedene Umfragen zeigen. Das ist verständlich. Trump hat sich nicht darum bemüht, vor dem Angriff in der Bevölkerung und im Kongress für diesen Krieg zu werben. Seine Rechtfertigungsversuche schwanken zwischen einem halben Dutzend Gründen hin und her. Das vermittelt wenig Vertrauen.
Zudem ist schwer erkennbar, wie dieser Angriff den Interessen der Amerikaner nützen könnte. Iran stellte keine direkte Bedrohung der USA dar, dafür fehlen dem Regime die militärischen Mittel. Ethisch kann man Rechtfertigungsgründe für den Krieg anführen, etwa den Sturz oder die Entwaffnung des mörderischen Mullah-Regimes oder den Schutz Israels. Doch das ist keine Kategorie, mit der Trump bei seinen Wählern für sich zu werben pflegt. Im Gegenteil, er hatte ethisch motivierte Kriegseinsätze stets vehement abgelehnt. Es ist unklar, weshalb Trump überhaupt die Risiken dieses Krieges in einem Wahljahr einging.
Aus diesen Gründen müsste Trump alles Interesse daran haben, zwischen dem unpopulären Iran-Krieg und den Zwischenwahlen im November möglichst viel Zeit verstreichen zu lassen. Allerdings kann der Krieg nur mit einem glanzvollen Sieg Trumps enden. Diesen zu erklären, wird dem Präsidenten leichtfallen, da die Kriegsziele stets unklar blieben und Trump nie Probleme damit hat, die Fakten so darzustellen, wie er sie sich wünscht. Noch ist es aber nicht so weit; der Krieg läuft mit voller Kraft weiter. Je mehr militärische Infrastruktur in Iran zerstört ist, umso plausibler wird ein erklärter Sieg.
Israel will kämpfen
Anders gelagert ist die Interessenlage bei Trumps wichtigstem Verbündeten, dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Im Gegensatz zu den USA ist Israel jederzeit direkt bedroht durch das Mullah-Regime in Iran, das die Vernichtung Israels zur Staatsräson erklärt hat. Zu diesem Zweck hat das Regime jahrzehntelang in die Entwicklung von Raketen, Drohnen und einer eigenen Atombombe investiert sowie ein Netz von verbündeten Terrorgruppen in der Region aufgebaut.
Mit dem von den USA unterstützten israelischen Angriff auf die iranischen Atomanlagen im vergangenen Sommer und dem nun laufenden Luftkrieg wird das Bedrohungspotenzial erheblich verringert. Jede Reduktion des Waffenarsenals Irans bedeutet für Israel einen Gewinn an Sicherheit. Für Netanyahu dürfte das persönliche Kalkül hinzukommen, mit dem Krieg die gegen ihn laufenden Justizverfahren weiter zu verzögern und die Kriegserfolge als Chance für die im Oktober anstehende Parlamentswahl zu nutzen.
Man muss deshalb davon ausgehen, dass Netanyahu alles dafür tun wird, um den Krieg weiterzuführen und das militärische Potenzial Irans so stark zu dezimieren wie nur möglich. Er wird in diesem Sinne seinen Einfluss im Weissen Haus geltend machen. Einem Veto Trumps müsste er sich aber fügen.
Iran erhöht die Kosten des Krieges
Die Interessen des Regimes in Iran sind geradezu existenziell. Mit der schnellen Wahl von Khameneis Sohn zum neuen Führer haben die Machthaber ein deutliches Signal nach Washington gesandt: Sie denken nicht daran, dem Beispiel Venezuelas zu folgen und eine Schattenregierung von Trumps Gnaden zu akzeptieren oder gar zu kapitulieren, wie Trump das noch am Wochenende gefordert hat. Schon gar nicht steht eine Demokratisierung des Landes auf dem Plan, solange sich die Hardliner um die Revolutionswächter in Teheran durchsetzen können. Oberstes Ziel ist die Verteidigung ihrer Macht.
Zu diesem Zweck treibt Iran die Kosten des Krieges für die USA so stark in die Höhe wie möglich, indem es die Erdölausfuhr im Persischen Golf bedroht und die Golfstaaten angreift. Es wird die Kriegshandlungen nicht einstellen, solange es über die nötigen militärischen Mittel verfügt. So soll Trump zum raschen Rückzug gedrängt werden. Dieses Kalkül ist aus Sicht des Regimes rational.
Entscheidet sich Trump zum siegreichen Rückzug, wird die Versuchung in Teheran gross sein, die Angriffe zunächst fortzusetzen, um Trump eine Lektion zu erteilen und seine Kosten weiter in die Höhe zu treiben. Die Bedrohung des Erdölhandels in der Strasse von Hormuz ist das wichtigste Machtmittel der Iraner. Damit können sie die Abschreckung vor einem erneuten Angriff auf Iran verstärken. Solange die Schifffahrt im Persischen Golf bedroht ist, wird ein Rückzug der Amerikaner schwer zu rechtfertigen sein.
Doch allzu lange wird das Regime dies kaum durchhalten. Erstens gibt es damit Israel einen Grund für weitere Bombardierungen, zweitens ist Iran darauf angewiesen, die hauptsächlich nach China gehenden Erdölexporte wieder aufzunehmen, sein Waffenarsenal wieder aufzubauen und die Beziehungen zu den Golfstaaten zu reparieren.
Die Golfstaaten haben genug
Die Golfstaaten werden von Iran angegriffen, obschon sie eigentlich keine Kriegspartei sind. Das schadet ihrem sorgfältig aufgebauten Image als neutrale, friedliche Oasen, in denen alle Welt ungestört seinen Geschäften nachgehen kann. Zudem beeinträchtigt der Krieg unmittelbar das Erdölgeschäft, das Fluggeschäft, das Immobilien- und Finanzgeschäft sowie den Tourismus.
Die Golfstaaten dürften zwar mit Genugtuung zusehen, wie das Waffenarsenal Irans und dessen Potenzial zum Bau einer Atombombe dezimiert werden. Dennoch haben sie allen Grund, die USA zu einer raschen Beendigung des Krieges zu drängen, um möglichst bald wieder zur wirtschaftlichen Normalität zurückzukehren. Sowohl Saudiarabien wie auch die Vereinigten Emirate und Katar sind nicht nur traditionelle Verbündete der USA, sondern geschäftlich mit der Familie Trump verbandelt. Sie dürften erheblichen Einfluss in Washington und Mar-a-Lago geltend machen, damit sich der Krieg nicht allzu sehr in die Länge zieht.
Kehrt bald wieder Ruhe am Persischen Golf und am Erdölmarkt ein? Es gibt rationale Gründe, dass sich der Krieg in Iran nicht über Monate hinziehen wird. Starke Interessenlagen in den USA und den verbündeten Golfstaaten sprechen für ein baldiges Ende. Doch das ist keine Garantie. In der wilden Welt des Donald Trump ist immer mit Überraschungen zu rechnen.

