«Unternehmen sind widerstandsfähig – doch 2026 könnte alles ändern»


Keine Bank finanziert so viele deutsche Mittelständler wie die Commerzbank. Der Firmenkundenchef Michael Kotzbauer über schwache Investitionen, Wachstumspläne in der Schweiz und den Widerstand gegen die Übernahme durch Unicredit.

Cornelius Welp

Im Fokus: Die Commerzbank ist ein Übernahmeziel.

Florian Gaul / Imago

Ein Glasaufzug bringt Besucher in die 48. Etage, mit 259 Metern ist die Zentrale der Commerzbank das höchste Gebäude Frankfurts. Als es 1997 eröffnet wurde, war Michael Kotzbauer bereits sieben Jahre bei der Bank dabei. Seit 2021 ist er ihr Firmenkundenvorstand, seit 2024 zusätzlich stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Die Finanzierung und Beratung von Unternehmen ist der wichtigste Geschäftszweig der zweitgrössten deutschen Geschäftsbank.

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Die Entscheidungen auf der Vorstandsetage fallen seit mehr als einem Jahr unter Vorbehalt. Im September 2024 ist die italienische Grossbank Unicredit bei der Commerzbank eingestiegen, derzeit kontrolliert sie knapp 30 Prozent der Anteile. Ihr Chef Andrea Orcel hat keinen Zweifel daran gelassen, dass das Ziel der Operation letztlich die komplette Übernahme ist. Diese wollen das Management und auch die deutsche Politik aber verhindern. Die Strategie dabei: Der Aktienkurs soll so weit steigen, dass Unicredit sich die Übernahme nicht mehr leisten kann. Dafür hat die Commerzbank ambitionierte Ziele ausgerufen. Besonders ehrgeizig sind sie im Geschäft mit Unternehmenskunden. Seit dieses aber schwächelt, steigen die Zweifel an dem Versprechen.

Herr Kotzbauer, können Sie die vielen Klagen von Unternehmern über den Standort Deutschland noch hören?

Ich habe jedes Jahr mehrere hundert Termine bei Kunden, vom DAX-Konzern bis zum Mittelstand. Da kommen diese Themen auch bei mir an. Das war aber im vergangenen und im Jahr davor auch schon so.

Und was sagen Sie dann?

Ich bin seit mehr als dreissig Jahren im Firmenkundengeschäft. In dieser Zeit habe ich einige ausgesprochen schwierige Phasen erlebt, die Finanzkrise ab 2008 zum Beispiel oder den Beginn der Corona-Pandemie. Da wussten viele zunächst nicht, wie es weitergehen soll. Und dann ging es doch unerwartet schnell wieder aufwärts.

Das heisst, der nächste Aufschwung kommt bestimmt?

Etwas ist anders: Vergangene Krisen begannen oft mit abrupten Einbrüchen. In die gegenwärtige Situation sind wir dagegen eher schleichend hineingeraten. Die Standortbedingungen haben sich kontinuierlich verschlechtert. Deshalb wirkt das Land teilweise wie gelähmt.

Zur Person

Michael Kotzbauer, Commerzbank-Vorstand

Der 57-Jährige hat sein gesamtes Berufsleben im Firmenkundengeschäft der Commerzbank absolviert, dem er seit 2021 als Leiter vorsteht. Die Commerzbank bezeichnet sich selbst als Marktführer in Deutschland. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender ist Kotzbauer nach der Vorstandschefin Bettina Orlopp die Nummer zwei der Bank.

Volkswirte registrieren gerade immerhin einige Lichtblicke. Sehen Sie die auch?

Ja. Wir bemerken sie bei dem Thema Infrastruktur, bei erneuerbaren Energien und ganz besonders in der Sicherheits- und Verteidigungsbranche. Dass die Impulse vor allem aus dem öffentlichen Sektor kommen, ist natürlich auch eine Folge der Investitionspakete der Bundesregierung.

In der Privatwirtschaft sieht es weiterhin finster aus?

Wissen Sie, wir veranstalten in jedem Januar eine Konferenz in den USA. Bei der präsentieren sich grössere, börsennotierte Unternehmen aus Deutschland. In den Gesprächen mit deren Vertretern war die Stimmung nicht euphorisch, aber auch nicht desolat. Für viele Unternehmen sind die letzten Wochen im Jahr 2025 gut oder wenigstens ordentlich gelaufen.

Viele dieser Unternehmen erzielen den grössten Teil ihrer Umsätze aber auch längst im Ausland.

Das ist richtig. Und wir registrieren auch, dass manche im Ausland bessere Perspektiven sehen und dort investieren. Bei der Konferenz hat mich aber auch hoffnungsfroh gestimmt, dass sich die Investoren aus den USA in diesem Jahr sehr für Europa und ganz besonders für Deutschland interessieren.

Sehen Sie etwas, das wir nicht sehen?

Sie erkennen, dass Deutschland ein interessanter Wirtschaftsraum mit starker industrieller Basis, hoher Innovationskraft und stabilen politischen Rahmenbedingungen ist. Das sind die wichtigsten Grundlagen für Investitionen.

Auf den Export angewiesene Unternehmen aus Deutschland leiden gerade zusätzlich unter dem schwachen Dollar.

Ja, wir registrieren deshalb eine sehr rege Nachfrage nach Absicherungen. Wir raten Unternehmen seit vielen Jahren, sich gegen Schwankungen bei Währungen, Rohstoffpreisen und Zinsen zu wappnen. Wenn sie das beherzigt haben, sind die Risiken beherrschbar.

Haben Sie die Auswirkungen der Dollarschwäche auf Ihre Kunden in einem eigenen Stresstest geprüft?

Wir lassen kontinuierlich diverse Stresstests mit unterschiedlichen Szenarien über unser Portfolio laufen.

In welchen Branchen schlagen diese derzeit besonders kräftig aus?

Wir schauen auch auf Sektoren, aber sie sind für uns nur eine von mehreren Kategorien. Unsere Risikovorsorge ist in letzter Zeit kaum gestiegen, unser Kreditbuch ist sehr solide. Dass viele Unternehmen sehr widerstandsfähig sind, ist auch eine Spätfolge der Corona-Pandemie. Sie haben damals sehr intensiv an ihrer Liquidität, ihrer Kapitalausstattung und ihren Kosten gearbeitet.

Die Insolvenzzahlen steigen dennoch.

Ja, vor allem unter Gewerbetreibenden, also bei kleineren Unternehmen mit weniger als 15 Millionen Euro Umsatz. Jede Insolvenz ist bedauerlich, aber kleinere Fälle belasten unser Ergebnis weniger. Natürlich gibt es auch einige grössere Herausforderungen, aber selbst in der Autobranche stehen die meisten Unternehmen finanziell stabil da.

Die Bundesbank hat erst vor wenigen Wochen davor gewarnt, dass mehr Kreditausfälle sogar die Stabilität von Banken gefährden könnten.

Wir kennen viele unserer Kunden seit Jahrzehnten, arbeiten schon immer sehr eng mit ihnen zusammen und sprechen kritische Themen frühzeitig an.

Droht irgendwann trotzdem die grosse Pleitewelle?

Wir befinden uns jetzt seit gut drei Jahren in einem wirtschaftlichen Stillstand. Wenn sich die Standortbedingungen nicht verbessern, wird das irgendwann gravierende Folgen für die Industrie haben. 2026 ist vermutlich ein entscheidendes Jahr. Später fallen Reformen wegen der dann schon wieder nahenden Bundestagswahl vermutlich schwerer.

Was muss passieren?

Das ist seit Jahren bekannt: Wer einen neuen Standort eröffnen oder sein Unternehmen erweitern will, stösst oft auf bürokratische Hürden. Und versuchen Sie einmal, Fachkräfte nach Deutschland zu holen. Die Überregulierung belastet nicht nur deutsche Unternehmen, sondern auch Investoren aus dem Ausland.

Das hören wir seit Jahren, aber es geschieht wenig.

Veränderungen sind auch eine Frage der Einstellung. Wir müssen begreifen, dass wir mit anderen Standorten im Wettbewerb um Investitionen stehen. Wir müssen uns an diesen messen und den Anspruch haben, dass wir besser und schneller sind.

Sehen Sie, dass die Regierung diesen Anspruch verfolgt?

Bundeskanzler Friedrich Merz hat die richtigen Themen erkannt und spricht sie mitunter klar an. Es gilt, schnell in die Umsetzung zu kommen.

Die Commerzbank hat sehr ehrgeizige Wachstumsziele, im Firmenkundengeschäft will sie mehr Kredite vergeben. Wie soll das gehen, wenn die Investitionen stagnieren?

Wir haben nicht stagniert. Unser Kreditvolumen ist 2025 um 10 Prozent auf 115 Milliarden Euro gestiegen. Wir sind stärker im Ausland, aber auch im Inland gewachsen.

Weil Sie die Konkurrenz mit besonders günstigen Konditionen unterbieten?

Nein. Keine andere Bank ist so verwoben mit dem deutschen Mittelstand wie wir. Wir sind in allen Kundengruppen gewachsen und haben auch in diesem Jahr ehrgeizige Ziele im Privat- und im Firmenkundengeschäft. Wir wollen bei Krediten und auch bei Provisionseinnahmen wachsen.

Gibt es bis anhin keinen Grund, diese Ziele zu korrigieren?

Nein, im Gegenteil. Wir haben als Bank unsere Mehrjahresziele unlängst als Mindestziele bestätigt. Ich bin deshalb zuversichtlich. Wir sehen Deutschland, Österreich und die Schweiz als unsere Heimatmärkte, sind aber auch in mehr als vierzig anderen Ländern aktiv. Das internationale Geschäft ist ein wichtiger Teil unserer Wachstumsgeschichte.

Nach dem Kollaps der Credit Suisse hatte Ihr Schweizer Landeschef gesagt, dass die Commerzbank «ein grosses Stück vom Kuchen» haben wolle. Wie viel haben Sie sich einverleibt?

Unser Geschäft in der Schweiz ist seither jedes Jahr zweistellig gewachsen. Wir haben hier jetzt rund hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, damit haben wir die Belegschaft um rund ein Drittel gestärkt. Wir stellen derzeit 15 Milliarden Euro für Finanzierungen bereit. Das Wachstum ist auch für dieses Jahr sehr positiv.

In Umfragen gibt nur eine Minderheit der Schweizer Unternehmer an, dass sie mit einer ausländischen Bank arbeiten wollen.

Wir sind seit 1985 in der Schweiz aktiv, vor gut zehn Jahren haben wir sie zu einem unserer Hauptmärkte erklärt. Schon damals haben wir erkannt, dass es zwischen den beiden grossen Instituten und den kleineren Kantonalbanken eine Lücke für uns gibt, etwa bei einem Thema wie der Aussenhandelsfinanzierung, bei der wir über umfassende Erfahrung verfügen. Nach so langer Zeit können wir unseren Anspruch glaubwürdig vertreten, zumal wir unser Angebot deutlich erweitert haben.

Die italienische Grossbank Unicredit sagt Ähnliches über ihre Aktivitäten in Deutschland. Seit sie mit einem Anteil von knapp 30 Prozent bei Ihnen eingestiegen ist, heisst es vonseiten der Commerzbank, dass man ihren Versprechen nicht recht trauen könne.

Unicredit ist über die Hypovereinsbank seit zwanzig Jahren in Deutschland aktiv. Wir kennen und respektieren sie als Wettbewerber. Wir wollen die Commerzbank aber vor allem auch deshalb als eigenständiges Unternehmen weiterentwickeln, weil unsere Kunden sich das sehr klar wünschen.

Dass sie ein grösseres Angebot haben wollen, ist selbstverständlich. Ich habe auch lieber drei als zwei Bäcker in der Nachbarschaft.

Ich glaube nicht, dass es nur darum geht. Die Commerzbank hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie verlässlich an der Seite ihrer Kunden steht. Das ist unsere Kultur, darauf gründet unsere Stärke.

Und Sie wissen schon jetzt, dass das alles nach einer Übernahme auf einen Schlag verloren wäre?

Wenn ich mit Unternehmern, mit Mittelständlern spreche, spricht da die höchste Entscheidungsinstanz im Firmenkundenbereich der Commerzbank mit ihren Kunden. Das ist genau der Unterschied, der unsere Kunden umtreibt. Die wissen, dass sie mich auf meinem Handy anrufen können, wenn etwas hakt. Unsere Kunden wissen, dass wir sie kennen und über ihre Anliegen in Frankfurt entscheiden. Und nicht in einer Konzernzentrale im Ausland.

Manche Unternehmen sind bewusst Kunden von Unicredit und Commerzbank. Merken Sie, dass diese sich für eine Bank entscheiden, weil sie mit einer Fusion rechnen?

Wir merken, dass Geschäfte in unsere Richtung wandern. Unsere Kunden sagen nicht nur, dass sie eine wirtschaftlich erfolgreiche Commerzbank haben wollen, sie handeln auch danach.

Derzeit scheint zwischen Commerzbank und Unicredit eine Art Patt zu herrschen. Wie lange halten Ihre Mitarbeiter das aus?

Viele sind gemeinsam schon einen langen Weg gegangen. Ende 2020 musste etwas passieren. Wir haben die Bank dann bis 2024 sehr hart, aber letztlich erfolgreich neu ausgerichtet. Ich spüre, dass sich die Kollegen stark mit der Commerzbank identifizieren und motiviert sind, sie noch erfolgreicher zu machen.

Bei Ihnen zumindest scheint das so zu sein.

Selbstverständlich. Ich bin seit 1990 dabei. Was erwarten Sie?


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