Vom «Maestro» zum Buhmann: Alan Greenspan wird 100 Jahre alt


Alan Greenspan war während seiner Amtszeit als Chef der amerikanischen Zentralbank der Star unter den Notenbankern. Mit der Finanzkrise zerbröckelte sein Image, doch der Hundertjährige bleibt eine faszinierende Persönlichkeit.

Pierre Weill

Über 18 Jahre lang leitete Alan Greenspan die US-Notenbank und galt lange als der Beste seines Faches – bis zur Finanzkrise.

Larry Downing / Sygma / Getty

Alan Greenspan feiert diesen Freitag seinen 100. Geburtstag. Er war über 18 Jahre – 1987 bis 2006 – der Vorsitzende des Federal Reserve Board und galt lange als der Notenbanker, der alles richtig machte. «Maestro» nannte Bob Woodward seine im Jahr 2000 erschienene Biografie. Doch als die Finanzkrise 2007, ein Jahr nach Greenspans Pensionierung, Lehman Brothers in den Konkurs trieb und zahlreiche andere Banken, darunter die UBS, nur dank Staatshilfe überlebten, platzte nicht nur die Finanzmarktblase, auch Greenspans Reputation ging in die Brüche.

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Seine Politik der tiefen Zinsen habe die Welt in die grösste Finanzkrise seit den 1930er Jahren getrieben, sagten seine Kritiker. Denn die tiefen Zinsen hätten dazu geführt, dass man sich billig verschulden konnte. Viele nutzen dies, um mit fremdem Geld Immobilien zu erwerben, die ihre finanziellen Möglichkeiten überstiegen – oder um an der Börse zu investieren. Die Folge war eine Immobilien- und Finanzblase.

Doch diese schwarz-weisse Beurteilung wird Greenspan nicht gerecht. So habe er sehr wohl gesehen, dass es an den Finanzmärkten zu Blasen gekommen sei, aber er habe nicht geglaubt, dass man im Voraus Massnahmen ergreifen könne, um deren Platzen zu verhindern, sagte sein Biograf Sebastian Mallaby in einem Interview. Greenspan habe erkannt, dass die Akteure an den Märkten immer Wege fänden, um Regulierungen zu umgehen. Zudem träten die Regulierungen immer zu spät in Kraft.

So habe das Fed bereits 2001, sechs Jahre vor Ausbruch der Krise, versucht, Massnahmen gegen die Subprime-Kredite zu ergreifen. Ein Zusammenspiel von bürokratischen Leerläufen und Widerstand im Kongress habe jedoch für eine schleppende Einführung dieser Regulierungen gesorgt.

Inspiration durch die Philosophin Ayn Rand

Greenspan war kein Regulierungsgegner. Im Jahr 2002, kurz nach Ausbruch des Enron-Skandals, sprach er sich für eine stärkere Regulierung der Rechnungslegungsstandards aus. Laut Mallabys Biografie haute er an einer Sitzung auf den Tisch und sagte: «Es wird zu viel mit dem System gespielt, bis es pleite ist. Der Kapitalismus funktioniert nicht.»

Solches aus dem Munde eines Jüngers von Ayn Rand zu hören, ist überraschend. Die Philosophin vertrat die Ansicht, dass strikter Laissez-faire-Kapitalismus das einzig legitime Wirtschaftssystem sei. Ein Nachtwächterstaat beschränkt sich darauf, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten und das Privateigentum zu schützen.

Greenspan lernte Rand kennen, als er 26 Jahre alt war. Weil er immer einen schwarzen Anzug trug, nannte sie ihn den Bestatter. Er liebte Debatten, ihr war er jedoch unterlegen. Nachdem er einmal gesagt hatte, er wisse nicht, ob er existiere, erkundigte sie sich bei seinen Freunden: «Und, hat der Bestatter schon entschieden, dass er existiert?»

Im September 1974 berief US-Präsident Gerald Ford (2. v. l.) Alan Greenspan (3. v. l.) zum Vorsitzenden des Rats der Wirtschaftsberater. Greenspans Mutter Rose Goldsmith (1. v. l.) und seine langjährige Mentorin Ayn Rand und ihr Ehemann Charles Francis O’Connor waren Zeugen der Vereidigung im Oval Office des Weissen Hauses.

David Hume Kennerly / Hulton Archive / Getty

Er war bis zu ihrem Tod 1982 eng mit ihr verbunden. «Bis ich sie traf, war ich intellektuell begrenzt», schreibt Greenspan in seinen Memoiren. Er habe sich bloss mit Zahlen auseinandergesetzt und sei überhaupt nicht werteorientiert gewesen. Sie habe ihn gelehrt, die Menschen und ihre Werte zu beachten.

Vom Jazzmusiker zum Ökonomen

Als Kind waren Musik und Baseball für Greenspan die wichtigsten Werte. Er wurde 1926 geboren und wuchs im Stadtteil Washington Heights im Norden Manhattans auf. Sein Vater arbeitete als Börsenmakler. Nach der frühen Scheidung der Eltern lebte er mit seiner Mutter im Haushalt seiner Grosseltern mütterlicherseits, die in Russland geboren waren. Seinen Vater sah er nur noch selten, und die Begegnungen empfand er, wie er in seiner Biografie schrieb, als beklemmend.

Bevor er einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Stern School of Business der New York University machte, hatte Greenspan ein Klarinettenstudium begonnen und in einer Band gespielt. Der junge Ökonom arbeitete zunächst als Analytiker beim National Industrial Conference Board, einem wirtschaftsorientierten Think-Tank in New York City. Es folgte eine Tätigkeit als selbständiger Wirtschaftsberater in der Firma Townsend-Greenspan & Co., die er erst 1987 auflöste, als er Fed-Vorsitzender wurde.

Obwohl Greenspan mit ökonomischen Analysen und Beratungen Geld verdient hatte, behauptet Mallaby, er habe nie an die Markteffizienz geglaubt und deshalb bereits in den späten 1950er Jahren einen Sitz an der Commodity Exchange in New York erworben. Er war angeblich überzeugt, aufgrund der ineffizienten Märkte erfolgreich handeln zu können.

Unter vielen Präsidenten

1968 setzte sich Greenspan im Wahlkampf für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon ein. Seine Begründung: «Ich hatte mich schon lange entschieden, mich aktiv für die freie Marktwirtschaft und den Kapitalismus als Insider zu engagieren und nicht bloss kritische Artikel zu verfassen.» Von 1974 bis 1977 war er unter Präsident Gerald Ford Vorsitzender des Council of Economic Advisers. 1987 wurde er vom ebenfalls republikanischen Präsidenten Ronald Reagan als Nachfolger des legendären Paul Volcker an die Spitze des Fed berufen.

Greenspans Reputation als Fed-Chef beruhte auf seiner Fähigkeit, Krisen zu meistern. Kaum war er im Amt, kam es 1987 zum Börsencrash.

Den Ausbruch des Irak-Krieges in der Badewanne verfolgt

Als 1991 die USA und ihre Verbündeten den Irak angriffen, um Kuwait zu befreien, und alle CNN schauten, lag Greenspan in der Badewanne und verfolgte die Kurse des Erdöls, den Goldpreis und andere Indikatoren, um die Folgen des Kriegsausbruchs abzuschätzen.

US-Präsident George W. Bush verabschiedet im Februar 2006 Alan Greenspan als Vorsitzenden der US-Notenbank, nachdem Ben Bernanke als dessen Nachfolger vereidigt worden ist.

Jay L. Clendenin / Bloomberg

Mit dem Krieg endete auch Greenspans Experiment einer weichen Landung. Mit langsam steigenden Zinsen hatte er versucht, eine Inflation zu verhindern, ohne die Wirtschaft in eine Rezession zu führen. Der Krieg, eine Kreditverknappung und kriegsbedingte Erdölpreissteigerungen führten zu einer leichten Rezession. Diese kostete George Bush senior die Wiederwahl. Der Demokrat Bill Clinton, dessen Wahlkampf auf die Wirtschaft ausgerichtet war («It’s the economy, stupid»), hielt am republikanischen Fed-Chef fest – wie später übrigens auch George Bush junior.

Und Greenspans Badewanne wurde zum Symbol für seine Eigenheit und Unabhängigkeit, habe er doch beim Baden seine besten Ideen entwickelt.

Auch später musste Greenspan in regelmässigen Abständen auf Krisen reagieren: auf die Pfundkrise (1992), die Asienkrise (1997/98), das Platzen der Dotcom-Blase (2000) und auf die Unsicherheit nach den Terroranschlägen von 9/11 (2001).

Zu optimistisch vor der grossen Finanzkrise

Die grösste Finanzkrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs brach allerdings erst 2007 aus, also nach Greenspans Pensionierung. Doch er wurde dafür weitgehend verantwortlich gemacht.

Lange hatte er mit billigem Geld, also tiefen Zinsen, verhindert, dass sich die Krisen ausweiteten. Aber das führte auch zu einer Fehlallokation von Kapital und zu gigantischen Schulden. 2004 begann Greenspan mit einer leicht restriktiveren Geldpolitik und zog die Zinsen langsam an. Damit konnte er aber die Finanzkrise nicht verhindern.

Bis kurz vor Ausbruch der Finanzkrise hatte er sich davon überzeugt gezeigt, dass Finanzinnovationen wie etwa die Verbriefung von Hypothekarforderungen die Risikostreuung verbesserten. Über die explodierenden Immobilienpreise brauche man sich daher keine Sorgen zu machen, meinte er. Seine Begründung: Anlagen in Immobilien – ein traditionell illiquider Vermögenswert – seien dank diesen Innovationen viel liquider geworden. In der Krise zeigte sich jedoch, dass einige dieser Finanzinnovationen eine stark toxische Wirkung zeigten.

Als die Immobilienblase und damit auch die Finanzblase platzten, mussten sein Nachfolger Ben Bernanke und die Regierung von US-Präsident Barack Obama die Folgen der Krise eindämmen.

Der Eigenbrötler musste fünf Mal seinen Heiratsantrag stellen

Lange galt Greenspan als Eigenbrötler. Man wusste wenig über ihn, er lebte allein und soll täglich seine Mutter angerufen haben. Das änderte sich erst, als er 1997 mit 71 Jahren die Journalistin Andrea Mitchell heiratete, die damalige NBC-Korrespondentin im Weissen Haus.

Berüchtigt war er auch für seine unklaren Äusserungen, welche die Medien als Greenspeak bezeichneten. So sagte er einmal: «Wenn Sie glauben, mich verstanden zu haben, dann habe ich mich falsch ausgedrückt.» Dies ging so weit, dass – so schreibt es Greenspan selbst in seinen Memoiren – seine Frau behauptete, dass er drei Mal zu seinem Heiratsantrag habe ansetzen müssen, bis sie diesen verstanden habe. «Aber das stimmt nicht», schreibt er. «Ich tat es fünf Mal, aber sie verpasste zwei Versuche.»

Einige Zeit nach der Heirat flog das Ehepaar in die Schweiz an die International Monetary Conference nach Interlaken. Gastgeber war der damalige Credit-Suisse-Verwaltungsratspräsident Rainer E. Gut. Greenspan war im Gegensatz zu seinen Vorgängern auch ein regelmässiger Gast an den monatlichen Treffen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

«Wenn Sie glauben, mich verstanden zu haben, dann habe ich mich falsch ausgedrückt.» Bewusst sprach Greenspan so, dass die Finanzmärkte nicht erkennen konnten, was seine Absichten waren.

F. Carter Smith / Bloomberg

Erfolglose Warnung vor einem irrationalen Überschwang

Wie stark die Märkte Greenspans Ausdrucksweise verfolgten, zeigte eine Aussage im Dezember 1996. Es war während des Dotcom-Booms, als viele Tech-Startups an die Börse strebten und deren Aktienkurse im Nu enorm zulegten, obwohl zahlreiche Firmen keinen Gewinn verbuchten.

Den Start der Dotcom-Phase macht Greenspan in seiner Autobiografie am 9. August 1995 fest. Damals ging der Browser Netscape an die Börse. Am ersten Tag kletterte der Aktienkurs von 28 auf 71 Dollar. Der Boom sollte knappe fünf Jahre dauern. Im März 2000 platzte die Spekulationsblase, nachdem klargeworden war, dass die meisten Hoffnungsträger die Gewinnerwartungen in naher Zukunft nicht erfüllen würden und einige gar Insolvenz anmelden mussten.

Vor diesem Hintergrund warnte Greenspan in einer am Fernsehen übertragenen Rede vor den Gefahren einer Blase:

«Woran erkennen wir, dass irrationaler Überschwang die Werte von Vermögenswerten übermässig in die Höhe getrieben hat, die dann unerwarteten und langanhaltenden Schrumpfungen ausgesetzt sind, wie es in Japan im letzten Jahrzehnt der Fall war? Und wie berücksichtigen wir die Annahme bei der Geldpolitik?»

Die Äusserung sorgte prompt für einen Kursrückgang an der Börse in Tokio, da die Marktteilnehmer eine Zinserhöhung erwarteten. Die Märkte auf der ganzen Welt folgten, doch bereits am Nachmittag hatten die US-Börsen den Verlust wieder wettgemacht. Sie schlossen das Jahr mit einem Plus von über 20 Prozent. Greenspan schrieb in seiner Autobiografie von 2008, dass ihm dieser Satz – einmal mehr – in der Badewanne eingefallen sei. Der Ausdruck «irrational exuberance» (irrationaler Überschwang) wurde zu einem Schlagwort für den Boom.

Aufgrund fehlender Hinweise auf die zukünftige Geldpolitik des Fed versuchten die Medien, anhand von Greenspans Aktenmappe herauszufinden, was zu erwarten war. Eine dicke Mappe wies darauf hin, dass Greenspan viele Dokumente studieren musste und ein Zinsentscheid zu erwarten war. Eine dünne Mappe bedeutete, dass nichts zu erwarten war. Der machtbewusste Greenspan spielte das Spiel mit den Medien mit und zeigte seine Mappe jeweils den TV-Stationen.

Nach seinem Rücktritt erklärte er einmal scherzend, dass in seiner Mappe jeweils nur das von seiner Frau zubereitete Mittagessen gewesen sei.

Trotz Fehlern eine prägende Figur

Um Greenspan ist es zwar ruhiger geworden. Doch wenn er es für nötig hält, meldet er sich weiterhin zu Wort – so auch im Januar dieses Jahres. Als die Angriffe von Donald Trump auf die Unabhängigkeit des Fed zunahmen und eine strafrechtliche Untersuchung gegen Notenbankchef Jerome Powell bekannt wurde, setzte auch Greenspan seinen Namen unter einen offenen Protestbrief. Darin kritisierten frühere Fed-Vorsitzende und Finanzminister das Vorgehen von Trump.

Nach seinem Vermächtnis gefragt, sagte Greenspan im Jahre 2020 gegenüber Bloomberg: «Ich habe die wirtschaftliche Analyse (‹economic analysis›) als bedeutendes Instrument etabliert», und er ergänzte: «Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe, weiss aber, dass ich Fehler gemacht habe.» Der Hundertjährige bleibt, trotz seinen Fehlern, einer der prägendsten Notenbanker des 20. Jahrhunderts.

Quellen:
David M. Jones: The Politics of Money: The Fed under Alan Greenspan. Simon & Schuster, 1991.

Bob Woodward: Maestro – Greenspan’s Fed and the American Boom. Simon & Schuster, 2000.

Alan Greenspan: The Age of Turbulence. The Penguin Press, 2007.

Sebastian Mallaby: The Man Who Knew – the Life and Times of Alan Greenspan. Bloomsbury Press, 2016.


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