Walter Lippmann: Der einflussreichste Journalist der USA sah die Demokratie kritisch


Er war der einflussreichste US-Journalist des 20. Jahrhunderts und kannte alle Präsidenten persönlich. In brillanten Schriften äusserte sich Walter Lippmann kritisch zur Volksherrschaft.

Oliver Zimmer

Brillanter Analyst: Walter Lippmann (1889–1974), hier auf den Bahamas.

Bettmann / Getty

Kurz nachdem Walter Lippmann (1889–1974) und seine Frau Helen am 27. März 1961 ein Flugzeug nach Europa bestiegen hatten, überreichte ihnen der Steward eine Nachricht des sowjetischen Botschafters: Eine plötzliche politische Krise habe Nikita Chruschtschow von Moskau auf die Krim geführt, ob Herr Lippmann seinen Termin mit Herrn Chruschtschow um eine Woche verschieben könne. «Unmöglich!», kritzelte Lippmann auf die Nachricht, die an den sowjetischen Botschafter in Washington zurückgeschickt wurde.

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Als die beiden am nächsten Morgen in Rom eintrafen, erhielten sie aus Moskau die Nachricht, dass der Vorsitzende Chruschtschow sie nun doch wie geplant am 10. April in Sotschi empfangen könne. Das Gespräch mit dem damaligen Führer der Sowjetunion sollte einen ganzen Tag lang dauern; Helen, die einige Jahre zuvor Russisch gelernt hatte, agierte als Dolmetscherin. 1962 bekam ihr Gemahl für dieses Interview zum zweiten Mal den Pulitzer-Preis; den ersten hatte er 1958 für seine über viertausend Mal erschienene Kolumne «Today and Tomorrow» erhalten.

Vom Wunderkind zum Präsidentenberater

Der in New York geborene Lippmann wuchs als Einzelkind in einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus auf. Nach dem Besuch eines Elitegymnasiums in seiner Geburtsstadt begann er im Alter von siebzehn Jahren in Harvard Philosophie und Sprachen zu studieren, wobei George Santayana, William James, Charles Copeland und Graham Wallas zu seinen Lehrern zählten. Unter ihrem Einfluss wandelte er sich vom sozialistischen Reformer zum konservativen Liberalen.

Lippmann, so viel ist sicher, hätte leicht Professor an einer Eliteuniversität werden können. Für ein Talent seines Kalibers war dies jedoch keine verlockende Aussicht. Seine Leidenschaft fand er schliesslich im politischen Kommentar. Innert kurzer Zeit wurde er zum einflussreichsten amerikanischen Publizisten des 20. Jahrhunderts – und zum Berater und Ratgeber der Mächtigen.

Von Woodrow Wilson bis Richard Nixon kannte er alle amerikanischen Präsidenten persönlich, was bei Lippmann allerdings nie hiess, dass er ihnen nach dem Mund redete. John F. Kennedys Inaugurationsrede wurde ihm von dessen Redenschreiber zur Prüfung vorgelegt. Als er im Jahr nach Kennedys Ermordung nach seinem Beitrag dazu gefragt wurde, meinte er: «Das Wichtigste war, dass ich ihn dazu brachte, Russland nicht als Feind zu bezeichnen, sondern als Gegner.»

Abschlussfeier der Doktoranden an der Harvard University. Vorne links sitzt Walter Lippmann.

Bettmann / Getty

Das Ende der klassischen Demokratie

Ob seiner Macht als Publizist und Berater geht jedoch gern vergessen, dass Lippmann auch ein bedeutender Intellektueller und Buchautor war. Grosses Aufsehen erregte auch sein 1922 erschienenes Buch «Öffentliche Meinung». Wer hier einen Leitfaden für angehende Journalisten vermutet, wird von diesem Werk allerdings entweder enttäuscht, überfordert oder positiv überrascht sein. Es handelt sich vielmehr um eine voraussetzungsreiche Kritik der klassischen Demokratie, die man besser versteht, wenn man sie nicht nur einmal liest.

Darin versucht Lippmann den Beweis zu führen, dass die demokratische Grundforderung – Selbstbestimmung durch politische Teilhabe – im 20. Jahrhundert anachronistisch, weil nicht mehr zielführend sei. Den Grund dafür sieht er in der die lokale Lebenswelt sprengenden Komplexität der modernen Welt. Die entscheidenden Kräfte wirkten ausserhalb des Gesichtskreises lokaler Akteure, die sich zunehmend mit einer für sie «unsichtbaren Wirklichkeit» konfrontiert sähen: «Für uns alle gilt, dass wir nur mit wenigen Aspekten des modernen Lebens vertraut sind.» Was man nicht aus der eigenen Erfahrung kenne, bleibe letztlich unbegreifbar. Wir alle hätten es nun mit einer «Great Society» zu tun, die unseren Erfahrungshorizont übersteige. Den Begriff borgt sich Lippmann vom englischen Sozialpsychologen Graham Wallas, den er in Harvard kennenlernte.

Die neue Kommunion

Selbst grosse Bücher sind die Kinder ihrer Zeit. Bei «Öffentliche Meinung» waren es die Turbulenzen des Ersten Weltkriegs, die für Lippmann zu einer Schlüsselerfahrung wurden. Bereits 1914 notierte er in sein Tagebuch: «Der Winter 1914 entpuppt sich als wichtige Wegscheide für mich. Vielleicht bin ich ja einfach nur konservativ geworden.» Seine Sympathien, so stellt er fest, gehörten nicht mehr den Revolutionären; was ihn zunehmend interessiere, seien «administrative Probleme und Lösungen».

Nun begann sich der ehemals dem sozialistischen Reformgeist zuneigende Lippmann für eine betreute Demokratie zu erwärmen. Sie erschien ihm dazu geeignet, ein objektiv bestimmbares Gemeinwohl in die Tat umzusetzen. Mit den subjektiven Befindlichkeiten individueller Bürger – mit auf Stereotypen basierenden Repräsentationen der Wirklichkeit – sei in der modernen Welt kein leistungsfähiger Staat zu machen. Was ihm vorschwebte, war ein von Experten garantierter Kommunitarismus.

Ein Blick auf die von ihm gewählten Begriffe verdeutlicht dies. So verwendet er in seinem Buch nicht bloss den eher deskriptiven Begriff der Gemeinschaft («community»), sondern den viel dezidierteren, aus dem christlichen Thomismus stammenden Begriff der Kommunion («communion»): «Die Annahme, dass alle Menschen zu allen Zeiten unterschiedliche Dinge denken und dennoch dasselbe tun können», nannte er nun «eine zweifelhafte Spekulation». Mit den Instrumenten der herkömmlichen Demokratie baue man die Gesellschaft «nicht auf eine Kommunion, ja nicht einmal auf eine Konvention, sondern auf eine Koinzidenz».

Nur eine «unabhängige, fachkundige Organisation» könne hier Abhilfe schaffen. Ihre Aufgabe? Sie müsse den politischen Entscheidungsträgern «die unsichtbaren Fakten» des Lebens verständlich machen. Ein Blick in die Geschichte zeige, dass jede komplexe Gemeinschaft «die Hilfe von . . . Wahrsagern, Priestern und Ältesten» gesucht habe. Lippmann sprach von «Bureaus of Intelligence», die den verschiedenen Departementen der Regierung zugeteilt werden sollten. Um ihre Unabhängigkeit zu garantieren, so schlug er vor, sollten ihre Mitglieder in den Genuss einer unkündbaren Anstellung («tenure for life»), einer grosszügigen Position und regelmässiger Sabbaticals kommen.

Damit forderte Lippmann eine Instanz, die politische Debatten durch eine Infusion an überlegenem Wissen weitgehend überflüssig macht. Besonders die moderne Politikwissenschaft sei dazu berufen, Politiker und Beamte vor ihren Entscheiden entsprechend zu instruieren. Die klassische Demokratie, dieses Produkt überschaubarer Verhältnisse, sei dazu nicht in der Lage: «Die demokratische Tradition geht stets von einer Welt aus, in der es die Leute mit Angelegenheiten zu tun haben, deren Ursachen und Wirkungen auf die Region begrenzt sind, in der sie leben.»

Lippmanns Held: Alexander Hamilton

Lippmanns Denken wird verständlicher, wenn wir uns seine scheinbar nebensächlichen Passagen zur amerikanischen Verfassung zu Gemüte führen. Die historische Inspiration für seine Demokratiekritik bilden die amerikanischen Verfassungsväter, besonders die drei Autoren der sogenannten «Federalist Papers». Das offen deklarierte Ideal von Alexander Hamilton, James Madison und John Jay war nicht Demokratie im Sinne von politischer Teilhabe, sondern politische Einheit.

Gast der italienischen Regierung: Walter Lippmann 1946 in Rom.

Keystone / Hulton Archive / Getty

Hier erweist sich Lippmann als ebenso genauer wie kritischer Interpret der amerikanischen Verfassungsgeschichte. Zu den bei diesem Thema schon damals verbreiteten mythischen Verklärungen notiert er unmissverständlich: «Die Föderalisten plädierten für die Union, nicht für die Demokratie, und selbst das Wort Republik klang für George Washington unangenehm, nachdem er über zwei Jahre lang republikanischer Abgeordneter gewesen war. Die Verfassung war ein offener Versuch, den Bereich der Volksherrschaft einzuschränken.»

Der kompromissloseste Advokat dieses Programms, Alexander Hamilton, ist Lippmanns Held. Schon von seiner Biografie her sei Hamilton an keines der partikularen Gemeinwesen gebunden gewesen; dagegen seien selbst Madison und Thomas Jefferson stark von ihren sozialen und ökonomischen Beziehungen zu ihrem Heimatstaat Virginia geprägt gewesen. Der demokratisch-provinzielle Geist, der sogar diese Giganten bestimmt habe, sei dem in der Karibik geborenen Hamilton gänzlich fremd gewesen. Wo kein Hamilton im Spiel ist, gibt es für Lippmann keine durch Einheit glänzende Republik.

Doch ohne einen Jefferson wäre die Union nicht lebensfähig gewesen. Die Stelle, an der Lippmann diese These erläutert, gehört zu den originellsten seines Buches. Das Genie Jeffersons habe darin bestanden, eine im Grunde antidemokratische Verfassung mit dem Mythos der Demokratie zu imprägnieren. Ohne diesen genialen Trick wären die Vereinigten Staaten von Amerika an ihrem inneren Widerspruch zerbrochen. «Jefferson löste dieses Paradoxon, indem er dem amerikanischen Volk beibrachte, die Verfassung als Ausdruck der Demokratie zu lesen.»

Am Schluss sind es diese Abstecher in die philosophischen und historischen Grundlagen der amerikanischen Verfassung, in denen Lippmanns Plädoyer für die betreute Demokratie am deutlichsten hervortritt.

Der Ort der Bürger in der «Great Society»

Grosse Intellektuelle zeichnen sich dadurch aus, dass sie harte Fragen stellen und damit Debatten provozieren. Das Zeitgeistig-Epigonale ist ihnen zuwider. So gesehen war Lippmann ein ganz Grosser. Die meisten der neueren Beiträge zur Demokratie unterschreiten die Originalität seiner Überlegungen bei weitem. Von einer Debatte, wie er sie mit seinem vor über hundert Jahren erschienenen Buch provozierte, können wir heute in Europa nur träumen.

Mit seiner Ehefrau am Trinity College Cambridge, 1952.

Hulton Deutsch / Corbis Historical / Getty

Diese Tugenden machen Lippmanns Antwort auf die wichtigste aller politischen Fragen aber nicht überzeugender. In einer Weise, die heute naiv anmuten muss, ging er davon aus, dass es selbst in der demokratischen Politik zumeist eine objektiv betrachtet richtige Lösung geben könne – gänzlich unbefleckt von subjektiven Prämissen und individuellen Interessen. Den Wert des Streits um die beste Lösung anerkannte er nur für den lokalen Bereich. Lernen setzte er mit der Verbreitung höherer Einsichten gleich. Unter der Ebene der Expertengremien gab es bei ihm keinen Raum für kollektive Lernprozesse.

Doch selbst in der Wissenschaft arbeitet man «nur» mit verschiedenen Prämissen, Hypothesen und Heuristiken. Im Wettstreit des Wissens und der Argumente funktionieren sie als mentale Landkarten, nicht als exakte Abbildung einer objektiven Realität. Gewisse dieser Landkarten mögen sich als besonders fruchtbar erweisen, sie stehen aber stets in Konkurrenz mit alternativen. «Die Wissenschaft», als Sammelbegriff unentbehrlich, gehört zum Baukasten der politischen Rhetorik. Auch die von Lippmann geforderten Experten liefern keine alternativlos-objektiven Lösungsvorschläge, sondern im besten Fall wissensbasierte Einsichten und Erkenntnisse. Rohstoff für stets auch an Werten orientierte demokratische Politik.

Das bewusste oder unbewusste Feindbild der Anhänger der betreuten Demokratie sind die anders denkenden Bürgerinnen und Bürger. «Wehret dem Populismus!» Und: «Gerade heute, im Zeitalter der wiederaufflammenden Geopolitik, gerade jetzt, wo der Kult des Stärkeren dominiert, müssen kleinere Interessen und Befindlichkeiten zurückstehen!»

Die Verkleinerung des Bürgers unter dem Banner höherer Ziele, darauf läuft die betreute Demokratie hinaus. Lippmann scheint dies geahnt zu haben, als er sich in den 1930er Jahren von seiner ursprünglichen Idee zu distanzieren begann.

Lippmann würde in Mar-a-Lago wohl kaum Gehör finden.

Als Verfechter der „managed democracy“ stünde er dort für das „Establishment“, das Trump bekämpft. Er würde Trump wohl direkt sagen, dass dessen Politik die „bewildered herd“ nur aufhetzt, statt die „invisible reality“ durch Experten zu klären.

Lippmann sähe in Trumps Stil eine gefährliche Form der „manufacture of consent“, die auf instinktiven „stereotypes“ statt auf kühler Vernunft basiert.

In der Welt der Hamiltonians ist kein Platz für einen Anführer, der Institutionen und „Bureaus of Intelligence“ als Feinde markiert.

Er würde ihn wohl als Symptom eines Systems warnen, das die Kontrolle über die Vernunft verloren hat.


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