Warum der Wettbewerb mit China für Europa gefährlich ist: Expertin im Gespräch


China setzt im neuen Fünfjahresplan auf Technologieführerschaft und will Überkapazitäten bremsen. Die China-Expertin Xie Yanmei sagt: Europas Unternehmen kämpften gegen ein System – und Europa dürfe seine industrielle Basis nicht preisgeben.


Der chinesische Volkskongress verabschiedet den neuen Fünfjahresplan (2026–2030). Der Entwurf ist bereits öffentlich.

Kevin Frayer / Getty

Frau Xie, China verabschiedet diese Woche einen neuen Fünfjahresplan. Es geht darin vor allem um eines: Technologie. Hat Sie das überrascht?

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Nicht wirklich. China will technologisch autark werden. Die Regierung will alte Industrien modernisieren und neue Branchen ausbauen – zum Beispiel Batterien, Robotik, Biomedizin. Sie will Zukunftsfelder wie Quanten oder künstliche Intelligenz (KI) bei Robotern fördern. China will nicht nur mithalten, China will vorne sein. Das Land strebt nach globaler Technologie-Dominanz.

Chinas Regierung plant auf lange Sicht und steckt enorme Ressourcen in Technologien der Zukunft. Das Modell geht augenscheinlich auf.

Es stimmt: China ist heute in vielen Bereichen sehr stark – bei Elektroautos, Batterien, Solaranlagen. Aber China bezahlt dafür einen Preis.

Welchen?

China baut oft mehr Kapazität auf, als das Land braucht. Dann beginnen harte Preiskriege. Firmen senken Preise, drücken ihre Gewinne, und der Druck greift auf die ganze Wirtschaft über. China produziert international erfolgreiche Unternehmen. Aber China produziert auch Überkapazität.

Zur Person

PD

Xie Yanmei – Kennerin von Chinas Industriepolitik

Xie Yanmei ist 2026 Senior Fellow im TOY-Programm der Asia Society Switzerland. Zudem ist sie als Forschungsmitarbeiterin bei der Denkfabrik Rand Corporation tätig und als Senior Associate Fellow am Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin angeschlossen. Sie untersucht Chinas politische Ökonomie sowie dessen Industrie- und Aussenpolitik. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Technologie- und Industriewettlauf zwischen China und den USA – und die Frage, was Handelskonflikte und geopolitische Spannungen für Europa bedeuten.

Xi Jinping will diese Preiskriege stoppen. Meint er das ernst?

Ja. Der Preisdruck schadet China. Aber Peking versucht es vor allem mit Anweisungen von oben, mit Vorgaben, manchmal auch Strafen. Das Grundproblem löst die chinesische Regierung hingegen nicht: Sie müsste die Nachfrage erhöhen, um die Überkapazität aufzufangen, und das System ändern, das chronische Überkapazität erzeugt. Der Staat stützt Firmen auch dann, wenn sie kaum Gewinn machen. Firmen bekommen weiter Kredite, billiges Land, günstige Energie und Zuschüsse – obwohl sie sich im Preiskrieg aufreiben. So bleibt Überkapazität bestehen. Das ist ineffizient. Aber es hilft China auch im globalen Wettbewerb.

Sie sagen: China nimmt Ressourcenverschleiss in Kauf, weil es am Ende international konkurrenzfähige Unternehmen hervorbringt, die Produkte zu unschlagbar tiefen Preisen anbieten können?

Ja. Chinas Regierung stellt die nationale Wettbewerbsfähigkeit über Unternehmensgewinne.

Was heisst das für Europa?

Europa kennt Wettbewerb mit Japan, Korea oder den USA. Aber China ist anders. Das ist nicht Firma gegen Firma, sondern Firma gegen Staat. Man sieht das bei den Elektroautos: Chinas Hersteller unterbieten sich gegenseitig, die Gewinne sinken, der Preiskrieg läuft weiter. Trotzdem überleben sie und bauen sogar ihre Kapazitäten aus – weil Staatsbanken sie finanzieren. Ein europäischer Konzern könnte eine solche Strategie gegenüber seinen Aktionären kaum verfolgen.

Derweil bekunden viele Konsumenten, auch in Europa, laut Umfragen Interesse an chinesischen Elektroautos.

Kurzfristig ist das Preis-Leistungs-Verhältnis von chinesischen Produkten für Konsumenten attraktiv. Aber Europa muss auf die Folgen achten. Europa importiert deutlich mehr aus China, als es nach China verkauft. Europa macht sich damit abhängiger und verschuldet sich indirekt. Und es gibt ein zweites Problem: Kann Europa auf Dauer wohlhabend bleiben, wenn es seine Industrie verliert?

Viele würden einwenden, dass Innovation vor allem aus Universitäten kommt, nicht aus Fabriken.

Universitäten sind wichtig. Aber die Industrie treibt oft schneller die Produktivität nach oben. Maschinen, Roboter und automatisierte Prozesse können sehr viel Leistung freisetzen. Dienstleistungen stossen schneller an Grenzen. Und wenn ein Land hauptsächlich Dienstleistungen hat, wächst oft die Ungleichheit, das sieht man in den USA. Das kann eine Gesellschaft politisch spalten.

Kanada hat einen anderen Weg gewählt. Das Land hat alle Zölle auf chinesische Elektroautos abgeschafft, seinen Markt geöffnet. Sie warnen davor, dass Europa denselben Weg einschlägt. Weshalb?

Kanada hat viel industrielle Stärke verloren. Kanada verkaufte früher anspruchsvolle Technik, heute verkauft Kanada eher Rohstoffe und Agrarprodukte. Europa sollte diesen Weg nicht gehen. Das gilt auch aus einer Sicherheitsperspektive. Europa kann es sich nicht leisten, seine Industrie abzubauen. Ohne zivile Industrie kann Europa auch keine starke Rüstungsindustrie halten.

Sie plädieren dafür, dass Europa seine Industrie schützt. Das klingt nach mehr Protektionismus.

Europa kann sich schützen, ohne in Protektionismus zu verfallen, indem es einfach seine Wettbewerbsgesetze durchsetzt. Europa verbietet auch heimischen Firmen, unter Kosten zu verkaufen, um Konkurrenten zu verdrängen. Wenn ein ganzer Sektor mit staatlicher Hilfe Preise drückt, muss Europa reagieren.

Bei künstlicher Intelligenz hat Europa den Anschluss verpasst. Wäre es denkbar, dass Europa von China lernt und Rechenzentren als öffentliches Gut zur Verfügung stellt, um KI-Unternehmen zu fördern?

Europa sollte vor allem vermeiden, abhängig zu werden – weder von den USA noch von China. Das Verlockende an chinesischen Modellen ist, dass sie viel Leistung für wenig Geld bieten – wie viele chinesische Industrieprodukte.

Und die Zensur in chinesischen KI-Systemen?

Für viele Industrieanwender spielt das keine grosse Rolle. Sie wollen Probleme lösen, nicht Politik diskutieren.

Vincent Kraeutler

Warum nicht einfach den Spiess umdrehen und Joint Ventures im Nearshore verlangen?

Arcelor Mittal ist in Spanien und Rumaenien praesent. Rheinmetall idem. Autos kommen nicht selten aus der Slowakei.

„Innovation kommt aus Universitäten, nicht aus Fabriken.“ Ich weiß nicht was ich von dieser Aussage der Interviewerin halten soll. Aus meiner Sicht ziemlich herablassend und einfach nicht richtig….


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