Vor 250 Jahren erschien «Reichtum der Nationen». Das Buch markiert den Startpunkt eines liberalen Verständnisses von Wirtschaft.
Adam Smith (1723–1790) gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie.
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Auch wer den schottischen Ökonomen Adam Smith nur dem Namen nach kennt, dürfte vertraut sein mit dem Begriff der «unsichtbaren Hand». In seinem Werk «The Wealth of Nations», das am 9. März 1776 erschien, benutzte er die Metapher als Sinnbild für die verborgenen Kräfte, die dem Markt innewohnen und den allgemeinen Wohlstand fördern, ohne dass staatliche Planung oder Eingriffe nötig wären. Smith legte mit der Idee der Selbststeuerung die theoretische Grundlage für ein liberales Wirtschaftsmodell, auf das Ökonomen bis heute, 250 Jahre nach Erscheinen des Buches, Bezug nehmen.
Eigeninteressen sind nichts Verwerfliches
Das Wirken der unsichtbaren Hand wird von Smith jedoch nicht genau ergründet und bleibt ökonomisch gesehen eine Blackbox. Etwas weniger metaphorisch legt Smith in seinem Buch den Marktprozess dar, und zwar am Beispiel der Nahrungsmittel. Er schreibt: «Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unser Essen, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe.»
Das Verfolgen von Eigeninteressen ist nach Smith also nichts Verwerfliches. Es ist vielmehr das, was die Wirtschaft prosperieren lässt, wie er an anderer Stelle schreibt: «Das natürliche Bestreben jedes Einzelnen, seine eigene Lage zu verbessern, ist ein so mächtiges Prinzip, dass es die Gesellschaft zu Reichtum und Wohlstand führt.»
Diese Smith-Zitate werden oft verwendet, um die Argumente für ein wirtschaftliches Laisser-faire zu untermauern. Aber sie bieten noch keine Auflösung des Blackbox-Rätsels. Wie kommt Smith auf die Idee, dass aus dem eigennützigen Handeln zweier Individuen – aus Kauf und Verkauf von Nahrungsmitteln – gesellschaftlicher Reichtum entsteht? Die Wirkungsweise der unsichtbaren Hand bedarf einer genaueren Erläuterung.
Regeln gegen Lug und Betrug
Aufschlussreich ist zunächst die ethische Bedeutung, die Smith dem Tauschhandel der Individuen beimisst. Selbstliebe und Eigennutz sind Begriffe, die bereits in «The Theory of Moral Sentiments», dem 1759 publizierten ersten bedeutenden Werk Smiths, zu finden sind. Schon dort wird das Streben nach dem eigenen Vorteil nicht als Skrupellosigkeit verstanden, sondern als etwas Tugendhaftes: «Die Berücksichtigung unseres privaten Glücks und Interesses erscheint in vielen Fällen lobenswert. Sparsamkeit und Fleiss erwachsen im Allgemeinen aus eigennützigen Motiven; es sind Eigenschaften, welche die Wertschätzung aller verdienen.»
Eigennutz als Antriebskraft bildet nach Smith auch die Basis für die Selbstbestimmung des Individuums: «Zweifellos ist jeder Mensch von Natur aus in erster Linie für sich selbst verantwortlich, und er ist besser in der Lage, für sich selbst zu sorgen als für andere.» Smiths Darstellung des Individuums als ein freies und eigenverantwortliches Wesen, das ohne die Weisungen von König oder Kirche auskommt, stand im 18. Jahrhundert, zur Zeit des abklingenden Absolutismus, ganz im Zeichen der Aufklärung.
Smith war sich indessen bewusst, dass Eigenliebe ausarten und in Raffgier umschlagen kann. Selbst in einer von tugendhaften Menschen bevölkerten Welt kommt es vor, dass gelogen und betrogen wird und ein Metzger, Brauer oder Bäcker seinen arglosen Kunden übertölpelt und ihm für gutes Geld schlechte Ware andreht. Um dieser «falsch verstandenen Selbstliebe» entgegenzuwirken, braucht es nach Smith Regeln und Normen, die erlauben, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden und die Übeltäter zur Rechenschaft zu ziehen. Eine funktionierende staatliche Gerichtsbarkeit ist dafür unerlässlich.
Das Wirken der unsichtbaren Hand
Smith beschäftigt sich ausführlich mit dem Zustandekommen solcher Regeln, und auch hier erweist er sich als Verfechter der Aufklärung. Er geht der Frage nach, wie es möglich ist, dass eine Gesellschaft existieren kann, ohne dass eine höhere Instanz ordnend eingreift. Smith kommt zu dem Schluss, dass sich Regeln aus dem praktischen Erfahrungsschatz des gesellschaftlichen Alltags ergeben.
In der «Theory of Moral Sentiments» beschreibt er die Entstehung von moralischem Handeln so: «Unsere ständigen Beobachtungen des Verhaltens anderer führen uns unmerklich dazu, bestimmte allgemeine Regeln darüber aufzustellen, was angemessen und richtig, was zu tun oder was zu lassen ist.»
Wesentlich ist in diesem Satz das Wort «unmerklich». Es weist auf das Wirken der unsichtbaren Hand hin. Nach Smith schaffen die Individuen mit ihrem (von Selbstinteresse geleiteten) Handeln eine Ordnung, die sie als solche nicht geplant haben. Die unsichtbare Hand steht gewissermassen für die Summe aller absichtslosen Handlungen. Dass daraus kein Chaos, sondern ein harmonisches Ganzes entsteht, hat damit zu tun, dass die Individuen nach allgemein akzeptierten moralischen Regeln handeln, deren Beachtung der Gesellschaft als Ganzes zugutekommt.
Smith nimmt ausdrücklich die Gegenposition zum Philosophen Thomas Hobbes ein, der in seinem 1651 erschienenen Werk «Leviathan» die These vertrat, Krieg sei der natürliche Zustand der Gesellschaft, und ohne allmächtigen Staat könne es kein friedliches Zusammenleben geben. Für Smith ist Hobbes’ Lehre «verabscheuungswürdig», und er setzt ihr den Grundsatz entgegen: «Der Mensch ist von Natur aus mit der Fähigkeit ausgestattet, zwischen Recht und Unrecht, Lobenswertem und Verwerflichem zu unterscheiden.» Nach ihm gibt sich die Gesellschaft die Regeln für das friedliche Zusammenleben selber; einen Leviathan braucht es nicht.

Das Frontispiz des Buches «Leviathan» von Thomas Hobbes von 1651 zeigt den Souverän, dessen Körper aus Menschen besteht – als Symbol für den Gesellschaftsvertrag.
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Eine glorreiche Neuerung
Smith verfasst seine Betrachtungen zum «Reichtum der Nationen» vor dem Hintergrund von zwei einschneidenden historischen Ereignissen. Zunächst ist das die Glorreiche Revolution von 1688, die in England zur Entmachtung von König und Aristokratie und zum Ende des gottgegebenen Absolutismus führte. Dieser Umbruch ermöglichte die Errichtung eines inklusiven anstelle eines extraktiven Gesellschaftsmodells (wie es die Ökonomen und Nobelpreisträger von 2024, Daron Acemoglu und James A. Robinson, nennen): Die Befugnis des Königs, beispielsweise Monopole zu gewähren, wurde eingeschränkt, und der Kreis der am Wirtschaftsleben eigenverantwortlich teilnehmenden Individuen erweitert.
Smith beschreibt das inklusive Wirtschaftsleben folgendermassen: «Jeder Mensch ist, solange er nicht gegen die Gesetze verstösst, vollkommen frei, seine eigenen Interessen auf seine Weise zu verfolgen und sowohl seine Arbeitskraft als auch sein Kapital mit denen jedes anderen Menschen im Wettbewerb zu messen.» Und daraus schliesst er: «Der Souverän ist von der Pflicht entbunden, die wirtschaftliche Tätigkeit der Privatleute zu beaufsichtigen.»
Für Smith ist klar, worauf diese Neuerungen zurückzuführen sind: «Die Sicherheit, die Früchte seiner eigenen Arbeit zu geniessen, wurde durch die Revolution vervollkommnet.» Mit der Glorreichen Revolution ist es also möglich geworden, dass sich die Wirtschaftssubjekte am freien Markt gleichberechtigt gegenüberstehen, als Metzger, Brauer oder Bäcker auf der einen Seite, als Konsument auf der anderen.
Unter dem Einfluss der Industriellen Revolution
Die andere Neuerung, die Smiths Denken prägt, ist die Industrielle Revolution, die zur Zeit der Publikation von «Wealth of Nations» Fahrt aufzunehmen begann. Der Bezug auf dieses epochale Ereignis liegt auch dem Satz zugrunde, wonach das Streben jedes Individuums zur Verbesserung seiner persönlichen Lage den Wohlstand der gesamten Gesellschaft steigert.
Ein wesentliches Merkmal der Industriellen Revolution ist die Arbeitsteilung. Eine Spezialisierung handwerklicher Tätigkeiten gab es zwar schon vor dem 18. Jahrhundert, aber mit dem Aufkommen des Manufaktur- und Fabrikwesens zeigt sich erstmals, welche Produktivitätsfortschritte damit zu erzielen sind.
Smith beginnt das erste Kapitel des ersten Buches der (fünf Bände umfassenden) «Wealth of Nations» mit einer ausführlichen Darstellung der Arbeitsteilung, die er in einer Nadelmanufaktur beobachtet hat. Würde ein Arbeiter, so schreibt er, Nadeln im Alleingang herstellen, käme er pro Tag auf eine Stückzahl von weniger als 20. Wird der Produktionsprozess dagegen in 18 verschiedene Schritte unterteilt, die von 10 verschiedenen Personen ausgeführt werden, lässt sich der tägliche Output auf bis zu 48 000 Stück steigern.
Entscheidend dabei ist, dass ein einzelner Arbeiter dank den Produktivitätsgewinnen mehr produziert, als er selber braucht. Smith beschreibt das so: «Es ist die durch Arbeitsteilung ermöglichte Vervielfachung der Erzeugnisse, die zum allgemeinen Wohlstand führt. Jeder Arbeiter verfügt über eine grosse Menge seiner eigenen Erzeugnisse, die über das hinausgeht, was er selbst benötigt, und da sich jeder andere Arbeiter in genau derselben Situation befindet, kann er eine grosse Menge seiner eigenen Güter gegen eine grosse Menge ihrer Güter eintauschen. Er versorgt sie reichlich mit dem, was sie brauchen, und sie versorgen ihn ebenso reichlich mit dem, was er braucht, und so breitet sich allgemeiner Überfluss in allen Schichten der Gesellschaft aus.»
Die Metzger, Brauer oder Bäcker verkaufen also all jene Güter, die sie produzieren, aber nicht selber konsumieren. Und mit diesem Überschuss an Waren steigern sie den Wohlstand der ganzen Gesellschaft. Das ist auch der Schlüssel zum Reichtum der Nationen. «Die Aufteilung in verschiedene Berufe und Beschäftigungen ist in der Regel in den Ländern am weitesten fortgeschritten, die den höchsten Grad an Industrialisierung und Fortschritt aufweisen.»
Reichtum für alle
Smith gilt auch als Referenzpunkt für moderne Wachstumsforscher wie Joel Mokyr, Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2025, der sich ausführlich mit der Industriellen Revolution beschäftigt hat. Mokyr erkennt in Smiths Ausführungen Ansätze einer Wachstumstheorie, verweist jedoch darauf, dass diese kaum mehr als eine rudimentäre Form hat.

Der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr forscht über die Bedeutung des technischen Fortschritts für das Wachstum.
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Bei der Erörterung der Frage, was die Auslöser der Industriellen Revolution waren, stellt Mokyr fest, dass sich Smith in seinen Betrachtungen auf die Wachstumsfaktoren Handel und Arbeitsteilung beschränkt. Was nach Mokyr fehlt (und was in Smiths Nadelmanufaktur noch ohne Bedeutung war), ist die Beachtung der dynamisierenden Wirkung, die von Technologie und Wissenschaft ausging und die sich in der Industriellen Revolution zu einer innovativen «Wachstumskultur» verdichtete.
Smith reichert sein Werk mit einer Fülle empirischer Beobachtungen an, die zeigen, wie eine Wirtschaft funktioniert und prosperiert, wenn die Individuen frei sind von Bevormundungen durch einen absolutistischen Herrscher oder einen übergriffigen Staat. Sein Modell lässt sich allerdings nicht einfach als Vorlage für eine liberale Wirtschaftsordnung modernen Zuschnitts heranziehen; dazu sind das 18. und das 21. Jahrhundert zu verschieden.
Macht man sich jedoch die Sichtweise der Ökonomen Acemoglu und Robinson zu eigen, zeigt Smiths «Wealth of Nations», welche Kräfte sich durch eine grundlegende Veränderung des institutionellen Rahmens einer Wirtschaft freisetzen lassen: Der Reichtum der Nationen ist Produkt eines inklusiven (statt extraktiven) Wirtschaftssystems. Es ist frei vom Aushandeln von Privilegien, ermöglicht eigenverantwortliches Handeln und erlaubt freien Individuen, von Produktivitätsgewinnen zu profitieren. Es schafft Reichtum für alle.

