Der laufende Iran-Krieg ist das Ergebnis einer langen, fatalen Entwicklung, in die sich Iran, die USA und Israel früh verstrickt haben. Es geht um Macht, aber vor allem ums Überleben.
Am 1. Februar 1979 endete mit der Rückkehr des schiitischen Geistlichen Ayatollah Ruhollah Khomeiny (im Bild in der Mitte) die jahrhundertealte Monarchie im früheren Persien.
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Man mag es bedauern, aber es ist kein historischer Zufall oder gar ein Missgeschick, dass der Konflikt zwischen Israel, den USA und der Islamischen Republik Iran nun derart eskaliert ist. Der Krieg am Golf ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat, gespeist aus Ideologie, geopolitischen Interessen, gegenseitigem Misstrauen und traumatischen Erfahrungen. Wer dies verstehen will, muss die historischen Linien seit der Revolution von 1979 nachzeichnen und zugleich einen Blick auf die Zeit davor werfen.
Unter dem Schah kooperierte Iran mit Israel
Vor der Islamischen Revolution war Iran unter Schah Mohammad Reza Pahlevi ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten. Der Schah verstand sich als prowestlicher Modernisierer. Washington betrachtete ihn als Stabilitätsanker am Persischen Golf, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg und im Kontext des Kalten Krieges. Die USA wollten verhindern, dass die Sowjetunion Einfluss in Iran gewinnt, und sahen in Teheran einen strategischen Partner. 1953 unterstützten amerikanische und britische Geheimdienste die Absetzung des nationalistischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh, nachdem dieser die Erdölindustrie verstaatlicht hatte. Die Operation stärkte die Macht des Schahs, hinterliess aber bei vielen Iranern ein tiefes Misstrauen gegenüber Washington.

Iraner verbrennen 1953 Büromaterial einer kommunistischen Zeitung und stürzen den Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh. 2013 verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz, das die USA für die damaligen Unruhen verantwortlich macht.
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Auch das Verhältnis zu Israel war unter dem Schah pragmatisch. Zwar erkannte Teheran Israel offiziell nicht an, doch es existierten enge wirtschaftliche und sicherheitspolitische Kontakte. Israel bezog iranisches Erdöl, iranische Offiziere wurden von Israel ausgebildet, Geheimdienste kooperierten. Die beiden Staaten teilten ein strategisches Interesse: die Eindämmung des panarabischen Nationalismus unter Führung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Der von der Sowjetunion unterstützte Nasser propagierte eine antiwestliche, antiisraelische Ideologie und strebte eine geeinte arabische Welt an. Für Iran wie für Israel war dies eine Bedrohung ihrer jeweiligen regionalen Rolle. Israel entwickelte die sogenannte «Peripherie-Doktrin» – Allianzen mit nichtarabischen Mächten wie Iran und der Türkei –, um sich gegen die arabische Front zu behaupten.
Antiwestliche islamische Mission der Ayatollahs
Mit der Revolution von 1979 brach diese Ordnung abrupt zusammen. Unter Führung von Ayatollah Ruhollah Khomeiny entstand ein Staat, der sich bewusst als Gegenentwurf zur Monarchie und zum westlichen Einfluss verstand. Er sah sich als antiwestliche und antizionistische Revolutionsmacht. Der neue Führer interpretierte die Revolution nicht nur als nationale Erhebung, sondern als islamische Mission.
In diesem ideologischen Rahmen wurden zwei Feindbilder zentral: die Vereinigten Staaten als der «grosse Satan» – das Symbol imperialer Einmischung – und Israel als «kleiner Satan» – das vermeintlich koloniale Projekt im Herzen der islamischen Welt.
Diese Zuschreibungen waren nicht bloss Rhetorik. Sie wurden Bestandteil der Staatsdoktrin und dienten der inneren Legitimation des neuen Systems. Der jährlich begangene Al-Kuds-Tag, an dem zur Befreiung Jerusalems aufgerufen wird, institutionalisiert diese Ideologie bis heute.
Prägende Botschaftsbesetzung und Geiselnahme
Der Sturm auf die amerikanische Botschaft in Teheran im November 1979 war Ausdruck dieser ideologischen Radikalisierung. Revolutionäre Studenten besetzten das Gelände, nahmen Diplomaten als Geiseln und erklärten die Botschaft zum «Spionagenest». Ayatollah Khomeiny unterstützte die Aktion. Die Geiselnahme dauerte 444 Tage.

Demonstranten verbrennen im September 1979 auf dem Dach der besetzten amerikanischen Botschaft in Teheran eine amerikanische Flagge.
Bettmann
Für viele Iraner war sie ein Akt der Selbstermächtigung gegen eine als demütigend empfundene Geschichte ausländischer Einmischung. Für die USA war sie eine beispiellose Provokation. Präsident Jimmy Carter versuchte im April 1980 mit einer geheimen Militärmission, die Geiseln zu befreien. Doch die Operation «Eagle Claw» scheiterte in der iranischen Wüste an technischen Pannen und einem Sandsturm. Acht amerikanische Soldaten starben. Das Desaster schwächte Carters politische Position erheblich. Erst am Tag der Amtseinführung von Ronald Reagan als US-Präsident wurden die Geiseln freigelassen – eine weitere Demütigung für Jimmy Carter und zugleich ein symbolischer Akt, der die Kluft zwischen den beiden Staaten weiter vertiefte.
Mit Saddam Hussein gegen Khomeinys Iran
Kurz nach der Revolution geriet Iran in einen existenziellen Krieg mit dem Irak. 1980 griff Saddam Hussein den geschwächten Nachbarn an, in der Hoffnung, Grenzgebiete zu sichern und die neue islamische Ordnung zu destabilisieren. Für die USA stellte sich die strategische Frage, wie sie reagieren sollten. Washington sah in Khomeinys Iran eine revolutionäre Kraft, die auch andere Staaten der Region destabilisieren könnte. Aus dieser Perspektive erschien Saddam Hussein – trotz seiner Brutalität – als das kleinere Übel. Die USA unterstützten den Irak politisch und indirekt militärisch, lieferten Geheimdienstinformationen und tolerierten Waffenlieferungen. Diese Unterstützung speiste sich weniger aus Sympathie für Saddam als vielmehr aus der Furcht vor einer Ausbreitung der iranischen Revolution.
Ein besonders traumatisches Ereignis aus iranischer Sicht war der Abschuss des Iran-Air-Flugs 655 im Juli 1988. Der amerikanische Kreuzer USS «Vincennes» feuerte im Persischen Golf eine Rakete auf ein ziviles Airbus-Flugzeug ab, das fälschlicherweise für ein angreifendes Militärflugzeug gehalten wurde. 290 Menschen starben. Die USA erklärten den Vorfall als tragischen Irrtum in einer angespannten Gefechtssituation, in Teheran wurde er jedoch als Beleg für die amerikanische Feindseligkeit wahrgenommen.

Trauernde tragen im Juli 1988 Särge von Opfern des versehentlich von den Amerikanern abgeschossenen Iran-Air-Flugs 655 durch die Strassen von Teheran.
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In den 1990er Jahren institutionalisierten die Vereinigten Staaten ihre Sanktionspolitik. Die Iran-Libya Sanctions Act von 1996 zielte darauf ab, ausländische Unternehmen zu bestrafen, die in die iranische oder die libysche Energieindustrie investierten. Washington wollte damit verhindern, dass Teheran durch Öleinnahmen seine militärischen und mutmasslich nuklearen Ambitionen finanziert. Das Gesetz hatte extraterritoriale Wirkung und führte zu Spannungen auch mit europäischen Verbündeten.
Bushs «Achse des Bösen» und Irans Antizionismus
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 änderte sich die strategische Lage erneut. Obwohl Iran in Afghanistan zunächst indirekt gegen die Taliban kooperierte, bezeichnete Präsident George W. Bush das Land 2002 als Teil der «Achse des Bösen». In seiner Rede begründete er dies mit dem Vorwurf, Iran unterstütze Terrororganisationen und strebe nach Massenvernichtungswaffen. In Teheran bestätigte diese Einordnung die Überzeugung, dass selbst begrenzte Kooperation keine Anerkennung bringt.
Parallel dazu verschärfte sich die Konfrontation mit Israel. Mit iranischer Hilfe entstand in Libanon der Hizbullah, der sich zu einer schlagkräftigen Miliz entwickelte und 2006 zwei israelische Soldaten entführte. Israel antwortete mit einem massiven Krieg gegen die Schiitenmiliz.
Auch die sunnitische islamistische Hamas, die in Gaza das Sagen hatte, erhielt finanzielle und militärische Unterstützung aus Teheran. So entstand ein Netzwerk von Stellvertretern, das Israel aus Norden und Süden unter Druck setzte.
Ein ideologischer Höhepunkt des institutionalisierten Antizionismus wurde in den 2000er Jahren sichtbar. Unter Präsident Mahmud Ahmadinejad, der von 2005 bis 2013 amtierte und nun bei den neusten Angriffen ebenfalls getötet wurde, radikalisierte sich die Rhetorik deutlich. Ahmadinejad stellte öffentlich die Legitimität Israels infrage und relativierte oder leugnete den Holocaust.
2006 veranstaltete Teheran die Konferenz «Review of the Holocaust: Global Vision», an der internationale Holocaustleugner und radikale Antizionisten teilnahmen. 2014 folgte die «New Horizon»-Konferenz, die erneut Verschwörungstheorien und antiisraelische Narrative verbreitete. Diese Kongresse dienten nicht nur zur Provokation nach aussen, sondern auch der ideologischen Selbstvergewisserung nach innen: Der Antizionismus wurde als intellektuelle und politische Gegenposition zum Westen inszeniert.
Die atomare Frage als Katalysator
Die Enthüllung geheimer Nuklearanlagen 2002 brachte schlagartig die atomare Frage ins Zentrum der Weltpolitik. Für Israel bedeutete ein potenziell nuklear bewaffnetes Iran eine existenzielle Bedrohung. Für Teheran war das Programm Ausdruck technologischer Souveränität und strategischer Abschreckung. 2015 wurde das Atomabkommen JCPOA unter Führung des damaligen US-Präsidenten Barack Obama geschlossen. Es sollte Irans Programm begrenzen.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu lehnte es ab. Er argumentierte, es sei mangelhaft und beinhalte zwei wesentliche Aspekte nicht: die Beschränkung des ballistischen Raketenprogramms Irans und die Finanzierung seiner Proxys in der Region. Doch die internationale Staatengemeinschaft hörte nicht auf Israels Warnungen. Erst unter Präsident Donald Trump zogen sich die USA 2018 von dem Abkommen zurück und verhängten neue Sanktionen. Die Maximum-Pressure-Strategie verschärfte die Konfrontation erneut, Iran begann daraufhin, Uran auf 60 Prozent – kurz vor der Waffenfähigkeit – anzureichern.
Über Jahrzehnte entstand so eine Konstellation, in der Ideologie, Sicherheitsdilemma und Machtpolitik ineinandergriffen. Für das iranische Regime ist der Antizionismus identitätsstiftend, und die Feindschaft zu den USA legitimiert seine «revolutionäre Wachsamkeit». Für Israel ist Iran seit Jahrzehnten der gefährlichste strategische Gegner. Für Washington bleibt Teheran ein revisionistischer Akteur, der regionale Ordnungen herausfordert.
Der neue Iran-Krieg ist daher nicht der Anfang, sondern das Ergebnis einer Geschichte aus Revolution, Krieg, Sanktionen, Ideologie und gegenseitigem Misstrauen, die sich über Jahrzehnte verfestigt hat.

