«Wirtschaftskollaps: Die Achillesferse des iranischen Regimes?»


Im Gespräch erklärt der Politologe Ali Fathollah-Nejad die Schwächen der Islamischen Republik – und wie der Nachfolger für den getöteten Revolutionsführer Ali Khamenei bestimmt wird.


Ein Banner mit dem Porträt des getöteten Revolutionsführers Ayatollah Ali Khamenei in Teheran. Noch ist unklar, wer sein Nachfolger wird.

Majid Saeedi / Getty

Herr Fathollah-Nejad, der iranische Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei ist tot. Wählt nun der Expertenrat einen Nachfolger, wie es die Verfassung vorsieht? Oder wird diese Frage anders entschieden?

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Laut Verfassung kann entweder ein neuer Revolutionsführer gewählt werden oder ein Führungsrat, der aus mehreren Personen besteht. Es gab Berichte, dass Mojtaba Khamenei, der einflussreiche Sohn von Ali Khamenei, zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Diese Berichte wurden vom System allerdings dementiert. Klar ist, dass bei dieser Frage auch die Revolutionswächter mitbestimmen werden.

Warum?

Die Revolutionswächter sind die Schutzgarde des Regimes. Sie sind in Iran der zentrale Machtfaktor in Bezug auf die Wirtschaft, auf die Geheimdienste und auf das Militär. Ausserdem kontrollieren sie das Atom- und das Raketenprogramm. Jetzt stellt sich die Frage, wie einheitlich die Revolutionswächter sind und ob es Fraktionen mit unterschiedlichen Präferenzen gibt. Insgesamt wird es den Revolutionswächtern darum gehen, dass das nächste Staatsoberhaupt ihre Interessen sichert.

Zur Person

Ali Fathollah-Nejad, deutsch-iranischer Politikwissenschafter, ist Gründer und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG). Er forscht zu Iran, dem Nahen und Mittleren Osten und westlicher Aussenpolitik. Zuletzt veröffentlichte er das Buch «Iran. Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät» (Aufbau-Verlag, 2025).

Wer kommt denn für das Amt infrage?

Das ist sehr undurchsichtig. Ich denke, das Regime weiss es selbst noch nicht. Es ist aber klar, dass die Revolutionswächter darauf beharren werden, dass ihre ausserordentliche Position sichergestellt wird, vor allem in Bezug auf ihre Finanzierung.

Hat Khameneis Sohn tatsächlich eine Chance? Er hat ja nie ein öffentliches Amt bekleidet.

Mojtaba Khamenei hat innerhalb des Beit-e Rahbari eine zentrale Rolle gespielt. Das ist eine Institution des Revolutionsführers, die eine Parallelregierung darstellt. Mojtaba Khamenei war lange Zeit quasi der Stabschef seines Vaters und hat dieselben engen Verbindungen wie er, also eine enge Allianz mit den Revolutionswächtern. Aussenpolitisch orientiert er sich wie sein Vater gen Russland.

Wenn die Wahl tatsächlich auf Mojtaba Khamenei fiele: Was würde das für die Islamische Republik bedeuten?

Die Idee einer Dynastie kollidiert natürlich mit der nach aussen getragenen politischen Kultur der Islamischen Republik. Denn diese ist durch eine Revolution gegen eine Dynastie an die Macht gekommen. Trotzdem versuchte Ali Khamenei, seinen Sohn als seinen Nachfolger zu positionieren. Dass ihm das nicht gelungen ist, hängt sicherlich mit dieser Skepsis gegenüber einer dynastischen Herrschaft zusammen.

Falls Mojtaba Khamenei tatsächlich zum neuen Revolutionsführer gewählt werden sollte, wäre das eine beunruhigende Kontinuität innerhalb eines extrem repressiven Systems.

Israel und die USA scheinen auf einen Sturz des Regimes hinzuarbeiten. Ist das ein realistisches Szenario?

Ob sie das tatsächlich anstreben, ist nicht klar. Die letzten Äusserungen Trumps deuten darauf hin, dass ihm ein Szenario wie in Venezuela vorschwebt – dass er also den Kopf eines Systems entfernt, aber ein schwächeres, korruptes und kriminelles Regime unangetastet lässt, das sich mit Washington arrangiert. Ob das in Iran funktionieren würde, ist allerdings fraglich. Denn es müsste sich eine Person im System finden, die ein solches Arrangement sucht und dieses auch gegenüber den Hardlinern und Schlägertrupps verkaufen kann.

Verfolgen Israel und die USA in ihrem Krieg gegen Iran dieselben Interessen?

Der gemeinsame Nenner ist ihre Absicht, die Islamische Republik zu degradieren – militärisch und auch in Bezug auf Machtprojektion. Dass Israel einen Schritt weitergehen und den Sturz des Regimes erreichen will, ist nicht auszuschliessen. Darauf könnten allerdings Szenarien folgen, die nicht unbedingt in Israels Interesse sind.

Falls das iranische Regime den Krieg überlebt: Wird es dann komplett isoliert sein? Oder kann es auf Verbündete zählen?

Es wird definitiv viel isolierter sein. Wir sehen schon heute, dass aus den arabischen Staaten des Persischen Golfes ein anderer Wind weht.

In den vergangenen Jahren hatten sich Iran und die Golfstaaten, allen voran Saudiarabien, wieder angenähert. Jetzt wurden auch die Länder auf der Arabischen Halbinsel das Ziel von iranischen Raketen. Warum?

Diese Annäherung wurde weithin zu rosig interpretiert, gerade auch in Europa. Es war ja sogar die Rede von einer geopolitischen Zeitenwende und einer Befriedung der Region.

Aber das iranische Regime setzt seine Sabotage und Destabilisierung am Golf fort, sobald die politische Führung in Teheran dies diktiert – davor warne ich schon seit Jahren. Iran setzt jetzt darauf, dass seine Angriffe die Golfstaaten dazu bewegen, bei Trump ein Kriegsende zu erwirken. Doch die Angriffe auf nichtmilitärische Ziele, die auch die wirtschaftliche Existenz der Golfstaaten gefährden, haben in der iranischen Strategie den Schuss nach hinten losgehen lassen. Teheran wird nun als grosse Bedrohung wahrgenommen.

Innerhalb des Landes geht das iranische Regime weiterhin äusserst brutal gegen die eigene Bevölkerung vor. Werden Israeli und Amerikaner das Regime stürzen? Oder könnte es sogar noch schlimmer kommen?

Alles ist möglich: ein schwaches, aber äusserst repressives Regime, das überlebt und sich irgendwie im Sattel hält, oder eine längerfristige Destabilisierung durch wiederholte israelische Luftangriffe. Die Gesellschaft hat keine andere Wahl, als weiterhin für ihre Belange zu kämpfen.

Luftangriffe allein werden das Regime kaum stürzen. Dafür wären Risse im Macht- und Repressionsapparat vonnöten. Auch wenn es unter autoritären Vorzeichen schwierig ist: Die iranische Zivilgesellschaft muss sich besser organisieren, um die Machtbalance gegenüber dem Regime zu ihren Gunsten zu verschieben. All das sollte international flankiert werden, durch immensen Druck auf die Machtelite und ihre Isolation. Langfristig könnte sich der Wirtschaftskollaps als Achillesferse des Regimes erweisen. Denn er könnte die Finanzierung des Repressionsapparates gefährden.

Alexander May

1 Empfehlung

Die Islamische Republik Iran entstand einst aus einer Revolution gegen eine Dynastie. Nun diskutiert man ernsthaft, ob der Sohn von Ali Khamenei übernehmen könnte. Revolutionen haben einen eigentümlichen Sinn für Ironie.


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