Durch den Golfkrieg sind 20 Prozent des globalen Angebots an Öl und Gas vom Markt abgeschnitten. Erste Länder wollen Energie sparen.
In Indien hat die Krise am Golf zu einem Preisanstieg bei Kochgas (LPG) geführt. Das Bild zeigt einen Mann in einem Verteilzentrum im indischen Gliedstaat Jammu und Kaschmir vor wenigen Tagen.
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Die Welt benötigt auch in Zeiten erneuerbarer Energien dringend Erdöl und Erdgas. Sie sind ein Lebenselixier von Industriestaaten und Schwellenländern. Doch wegen des Kriegs gegen Iran ist rund ein Fünftel des globalen Öl- und Gasangebots vom Markt abgeschnitten. Der Chef des weltgrössten Ölkonzerns, Saudi Aramco, warnte daher diese Woche vor «katastrophalen» Folgen der Energieverknappung.
Entsprechend fragen sich Regierungen auf der ganzen Welt derzeit, ob die kurz- und mittelfristige Versorgung mit Erdöl und Erdgas in ihrem Land sicher ist und ob die eigenen Reserven ausreichen werden, falls es überhaupt welche gibt. Für importabhängige Länder, besonders in Asien, könnte der Nahost-Krieg eine Wirtschaftskrise heraufbeschwören.
Diskussion über Freigabe strategischer Reserven
Am Montag haben sich die Finanzminister der führenden westlichen Industriestaaten (G-7) an einer Dringlichkeitssitzung zwar vorerst gegen eine Freigabe von strategischen Erdölreserven entschieden. Sie haben überwiegend keinen unmittelbaren Versorgungsengpass gesehen, wenngleich die britische Gasbehörde ein Angebotsdefizit meldete. Doch die Gruppe vereinbarte dem Vernehmen nach, «alle notwendigen Mittel» einzusetzen, um den Markt zu stabilisieren.
Das passt insofern ins Gesamtbild, als sich durch die faktische Schliessung der Strasse von Hormuz, der Hauptverkehrsader für Rohstoffexporte aus dem Persischen Golf, vor allem für asiatische Staaten wie Korea oder Indien ein Versorgungsengpass abzeichnet.
In Seoul will Präsident Lee Jae Myung den Treibstoffpreis deckeln, in Thailand sollen Staatsangestellte von zu Hause arbeiten, um den Energiekonsum zu senken, und in Indien ist Flüssiggas zum Kochen teurer geworden. Während in den Jahren zuvor zahlreiche Länder mit Lieferkettenproblemen während der Pandemie, den Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine und der amerikanischen Zollpolitik zu kämpfen hatten, steht nun die Energiesicherheit im Mittelpunkt.
Bedeutende Förderländer wie Saudiarabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und der Irak haben in den vergangenen Tagen ihre Erdölproduktion gedrosselt, weil ihre Speicher zum Bersten gefüllt sind und die Meerenge bei Hormuz quasi blockiert ist. Zudem hat Katar nach einem iranischen Drohnenangriff die weltgrösste Anlage für Flüssigerdgas stillgelegt. Insgesamt fallen damit etwa 20 Prozent des globalen Erdöl- und Erdgasangebots aus.
Trump spricht von baldigem Kriegsende
In der Folge sind die Preise für Erdgas und Erdöl sprunghaft gestiegen. Erdöl der europäischen Referenzsorte Brent hat sich seit Kriegsbeginn um 27 Prozent verteuert; in Europa gehandeltes Erdgas um 54 Prozent. US-Präsident Donald Trump versuchte deshalb, die Marktteilnehmer zu beruhigen – nicht zuletzt, weil der Benzinpreis in den USA zu steigen beginnt, was ihm politisch schaden könnte. Er wolle den Krieg «bald» beenden, teilte er mit, allerdings nicht diese Woche.
Die Aussage sorgte für eine gewisse Entspannung. Die Preise für Erdöl und Erdgas gaben am Dienstag leicht nach, notierten aber immer noch weit über dem Vorkriegsniveau. Sogar nach Ende des Konflikts dürfte das Hochfahren der Produktion in den Golfstaaten nur langsam erfolgen.
Die Knappheit greift zunehmend auf andere Produkte über, für deren Herstellung Öl und Gas wichtige Vorleistungsgüter sind: Der Engpass beim Flugzeugtreibstoff in Europa und Asien ist mittlerweile so gross, dass dieser schon doppelt so viel kostet wie Rohöl. Beim Dünger zeichnet sich ebenfalls ein Mangel ab. Der lebenswichtige Stoff für die Landwirtschaft wird mithilfe von Ammoniak und Harnstoff (Urea) hergestellt, die beide aus Erdgas gewonnen werden.
«Denkt das Undenkbare und bereitet euch darauf vor», so mahnte Kristalina Georgiewa, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, diese Woche in Tokio. Trotz Trumps Bemühungen, die Lage am Rohstoffmarkt zu entschärfen, ist die Meerenge weiterhin gesperrt. Gemäss Angaben von Rystad Energy sind etwa 10 Prozent der grössten Öltanker – jeweils mit einer Kapazität von rund 2 Millionen Fass Rohöl – deswegen nicht nutzbar.
Als Reaktion auf die angespannte Lage hat Saudiarabien seine Erdöllieferungen über eine Pipeline nach Yanbu am Roten Meer erhöht. Doch das Volumen von etwa 5 Millionen Fass pro Tag ist zu klein, um den Ausfall des Seetransports durch die Strasse von Hormuz wettzumachen.
Besonders kritisch ist die Lage für viele asiatische Länder: Rund die Hälfte ihres Erdölbedarfs und ein Viertel der Lieferungen von verflüssigtem Gas (LNG) stammen aus dem Golf. Indien, Pakistan und Bangladesh bezogen fast zwei Drittel ihres Flüssigerdgases aus dem Persischen Golf. Dieser Rohstoff spielt auch bei der Stromerzeugung südasiatischer Länder eine wichtige Rolle.
Indien ist zudem stark von Ölimporten abhängig. Vor einigen Wochen vereinbarte Delhi laut Medienberichten mit Trump, die russischen Rohölimporte zu drosseln. Doch nun nimmt das Land eine amerikanische Ausnahmeregelung in Anspruch, um weiterhin mit Sanktionen belegtes Öl aus Russland zu beziehen. Das ist ein Zeichen dafür, wie angespannt die Versorgungslage in manchem asiatischen Land ist.
Auch Japan, Südkorea, Indien und Pakistan gehören zu den Ländern, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von Treibstoff aus Nahost den grössten wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt sind, schreibt BMI, eine Tochtergesellschaft der Rating-Agentur Fitch.
In Europa wiederum sind Italien und Griechenland aufgrund ihrer Rohstoffimporte und prekären fiskalischen Lage besonders betroffen.
Für China ist die Situation vergleichsweise entspannt, obwohl das Reich der Mitte eigentlich auf Einfuhren fossiler Brennstoffe angewiesen ist. Dank umfangreichen Ölreserven sowie der grossen Menge an russischem und iranischem Rohöl, das auf dem Meer gelagert ist, dürfte das Land einem mehrmonatigen Lieferunterbruch aus Nahost ohne grosse Engpässe standhalten können.
Beim Erdgas ist China wegen der Pipelines aus Russland und der Möglichkeit, auf Kohle umzusteigen, zwar weniger exponiert als Europa. Allerdings ist die Ausweitung der Lieferungen über Pipelines aus Russland und Zentralasien kurzfristig aufgrund von Kapazitätsgrenzen kaum möglich, wie das Center on Global Energy Policy an der Universität Columbia schreibt.
Steigende Preise belasten alle Erdölkäufer
In Ländern, die eigentlich gar nicht vom Golf abhängig sind, dürften sich die Lieferengpässe über den Preismechanismus dennoch bemerkbar machen. Im vergangenen Jahr bezog Europa 60 Prozent des Flugzeugtreibstoffs und 30 Prozent des Dieselkraftstoffs aus dem Golf. Die Schliessung der Meerenge bei Hormuz betrifft aber auch Indien, die zweitgrösste Bezugsquelle ebendieser Produkte für Europa.
Die höheren Preise könnten energieintensive Industriezweige allfällig zu Produktionseinschränkungen zwingen und – je nach Dauer und Ausmass der Krise – zu einem Anstieg der Teuerung führen. Im Fall einer dreimonatigen Sperre der Strasse von Hormuz könnte der Ölpreis von derzeit etwa 90 Dollar auf 170 Dollar pro Fass klettern. Die Inflationsrate im Euro-Raum würde sich nach Berechnungen von Bloomberg dadurch quasi verdoppeln. In den USA, wo die Teuerung schon lange das Ziel der Notenbank übersteigt, rechnet der Datenanbieter trotz ihrer Rolle als Rohstoffexporteur mit einem Inflationsanstieg von 1,6 Prozentpunkten. Derzeit beträgt die Teuerung in den USA 2,4 Prozent.
Die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA), darunter Deutschland, die Schweiz, Japan und die USA, müssen Ölreserven in Höhe von mindestens 90 Tagen ihrer Nettoimporte auf Lager haben und bereit sein, im Fall einer schweren Unterbrechung der Versorgung diese auf den Markt zu bringen. Das geschah etwa 2022 in Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine.
Laut Beobachtern umfassen die Erdöllagerbestände derzeit mindestens 1,2 Milliarden Fass. Den grössten Bestand haben die USA mit 415 Millionen Fass. Beim Erdgas ist die Situation angespannter. In Europa sind die Speicher zurzeit nur zu rund einem Drittel gefüllt, was für den Monat März einen unterdurchschnittlich niedrigen Stand bedeutet. Doch mit dem ausklingenden Winter endet auch die Heizperiode, was die Erdgasnachfrage deutlich reduziert.
Auf die USA können die Europäer nur bedingt bauen. Zwar zählen die Vereinigten Staaten inzwischen zu den weltgrössten LNG-Produzenten. Doch kurzfristig besteht kaum Spielraum, die Exporte zu steigern. Gleichzeitig strebt Europa eigentlich die strategische Unabhängigkeit von den USA an – in Bereichen wie Kommunikationstechnologie, Rüstung und eben Energieversorgung.
Die Energiekrise des Jahres 2022, die durch eine übermässige Abhängigkeit von russischem Gas ausgelöst wurde, dürfte vielen in Europa als bittere Erfahrung noch in Erinnerung sein. Die damalige Notlage sollte sich jedoch nicht wiederholen, wenn der Krieg am Golf auf wenige Wochen beschränkt bleibt. Stark gestiegene Preise könnten je nach Kriegsdauer jedoch auch die Europäer zu spüren bekommen.

